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Das Naturtheater von Oklahoma
Eigene sehr früh gemachte Gruppenerfahrungen
von mir glichen, obwohl ich es damals nicht wusste, ziemlich genau
den personzentrierten Encounter - Gruppen und den "community
meetings" von Carl Rogers.
Auch dort war in den ersten Sitzungen nicht viel Gemeinschaftsgeist
zu verspüren.
Rogers dazu: "Oft fühlten sich die Teilnehmer einschließlich
des Leitungsteams erst gegen Ende des Workshops wirklich als Teil
einer Gemeinschaft."
Eine dieser frühen Gruppen (1978 / 79) hieß: "das
Naturtheater von Oklahoma". Dieser Titel stammt aus Kafkas
Roman "Amerika": "Auf dem Rennplatz in Cleyton
wird heute von Sechs Uhr früh bis Mitternacht Personal für
das Theater in Oklahoma aufgenommen. Das große Theater von
Oklahoma ruft euch! Es ruft nur heute, nur einmal. Wer jetzt die
Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer. Wer
an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen!
Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann, jeden an
seinem Ort.
Um zwölf Uhr wird alles geschlossen und
nicht mehr geöffnet. Verflucht sei, wer uns nicht glaubt!
Auf nach Cleyton!"
Genau nach diesem Aufruf lief unser Projekt und Vitus, ein Schauspieler
aus der damaligen Fassbinder Gruppe, hatte diese Idee gehabt.
Er fragte ein paar Schauspieler, die er kannte, ob sie bereit
wären, mit ihm dieses Projekt zu leiten, und ich war unter
denen.
Vier Monate, bevor es losging, legten wir in den verschiedenen
Anstalten: Staatstheater Bonn, Düsseldorf, Mannheim, in den
Universitäten von München, Hamburg, Berlin usw. Informationsblätter
aus. Unser erstes Treffen war für Hamburg im Monsun Theater
veranschlagt, dann sollten alle, die sich gemeldet hatten, für
zwei Monate zusammen leben, arbeiten und proben. Die Unterkunft
war kostenlos, für die Verpflegung musste jeder selber sorgen,
nach dieser Zeit sollte mit einem alten Bus und einer Bühne
auf Rädern von Hamburg nach Venedig gefahren werden, und
im Zeitraum von drei Wochen sollte das entstandene Stück
so lange täglich auf der Reise gespielt werden, egal wo,
als sich mindestens ein Zuschauer fände. Auch die Reise war
kostenlos. Nach der Ankunft in Venedig würde dort noch ein
Mal gespielt werden, bevor sich die Gruppe auflösen sollte.
Es meldeten sich wirklich die verschiedensten Menschen: UnistudentenInnen,
politische Agitatoren, angehende Schauspielschüler, etablierte
Schauspieler aus Staatsbetrieben, Sozialarbeiter, freie Künstler,
und Arbeitslose. Diese Leute kamen aus allen Teilen Deutschlands
mit ihren Schlafsäcken ins Monsun- Theater nach Hamburg.
Geprobt wurde immer nachts ab 22 Uhr, bis ca. 5 / 6 Uhr morgens.
Jeder Vorschlag wurde gleich ausprobiert, keiner durfte verweigert
werden, schlafen war verboten, wer dennoch einschlief, wurde von
einem unserer zwei Wächter geweckt. Erst wenn über längere
Zeit von der Gruppe der Teilnehmer gar nichts mehr kam, brachte
einer von uns Gruppenleitern eine Idee ein.
Zwischen der Ausschreibung und dem ersten Treffen
hatten wir Gruppenleiter 2 Monate Zeit, um uns vorzubereiten.
Unsere Vorbereitung bestand darin, dass jeder mindestens ein Buch
auf die Reise mitnimmt (ich entschied mich für Robert Walsers
"Aus dem Bleistiftgebiet) und vor der Reise eine authentische
Erfahrung macht, die mindestens drei Wochen dauern musste.
Volker entschied sich beim Buch für den "Idioten"
von Dostojewski und beschloss, für zwei Monate der "Hare
Krishna"- Sekte als volles Mitglied beizutreten, um dort
von Innen her alles mitzumachen. Pius wollte einige tausend Kilometer
zu Fuß über Berge und Täler gehen, als Begleitbuch
nahm er sich einen Hölderlin mit. Was Vitus tat, weiß
ich nicht mehr. Er organisierte jedenfalls unsere Bühne auf
Rädern und den Großbus für die Reise. Die Bühne
war aufklappbar und wir spielten damit nur im Freien.
In der "Irrenanstalt" von Pergine
Für meine 3wöchige Erfahrung ging ich
in die Irrenanstalt von Pergine (eine der damals größten,
geschlossenen Irrenanstalten von Italien, heute aufgelassen).
Mit dem Vorwand, ein Onkel von mir sei in der Anstalt, gelang
es mir ohne Komplikationen für einige Wochen täglich
von morgens bis abends unter den Eingesperrten Insassen mitzuleben.
Schon nach einigen Tagen wurde ich als volles Mitglied unter den
Verrückten akzeptiert. Wir hielten uns fast nur in kahlen
Räumen auf, in denen keinerlei Einrichtung war, selten ein
Stuhl.
Wenn ich nicht wachsam war, konnte es geschehen, dass mich jemand
von hinten mit einem Faustschlag niederstreckte. Im Fall, dass
einer brüllend auf mich zugelaufen kam, zückte ich sofort
eine Zigarette. Der Angreifer nahm wortlos die Zigarette und wandte
sich ab. Zigaretten waren in dieser Anstalt natürlich streng
verboten. Trotzdem hatten viele ein Päckchen Zigaretten bei
sich, oft, wie ich, zur Selbstverteidigung.
Ich sah dieselben Leute, die noch eben in den eigenen Exkrementen
gelegen hatten und bei denen ich dachte, hier sei alles verloren,
nach zwei Tagen wie kleine Götter umherwandeln, strahlend,
mit nobelsten Gesten, gepflegtem Ausdruck, und einer sagt mir
auch einmal, mich zur Seite nehmend: "Ich weiß, du
bist gekommen, um das menschliche Elend zu studieren, aber vergiss
nicht, wir haben auch Göttermomente." Diese Erfahrungen
wirkten bei mir noch Jahre intensiv nach und verfolgten mich.
Später fiel mir oft die Aussage von Krishnamurti ein: "Wenn
du im Gefängnis bist und das Gefängnis annimmst, bist
du aus dem Gefängnis draußen."
Als wir uns dann mit den Teilnehmern zum Oklahomatheater trafen,
wurde weder über unser Buch, noch über unsere Erfahrungswochen
gesprochen, sondern wir begannen sofort, dem Gruppenprozess zu
folgen.
Ähnliches erlebte ich beim Jolla- Programm in Wien - auch
dort löste sich die Großgruppe einmal in kleinere Gruppen
auf, die während einiger Tage Prozesse durchmachten, von
denen nicht mehr gesprochen wurde, als sie sich wieder in der
Großgruppe einfanden.
Diesen Umstand empfand ich als wunderbar, weil er mich an mein
Grundwesen erinnerte, wie ich als Kind war, wo ich etwas erleben
konnte, ohne danach darüber Rechenschaft ablegen zu müssen.
In fast allen sonstigen pädagogisch orientierten Gruppen
wurde ich nach jeder Erfahrung gefragt, wie es mir gehe, was ich
gemacht habe usw.
Taliban, der Antiheld
Bevor wir mit der Arbeit begannen, wurden noch einmal
die Regeln erklärt. Eine dieser Regeln war, dass man jederzeit
die Gruppe verlassen durfte, und jederzeit auch wieder kommen,
aber alles, was man beim Verlassen der Gruppe an Ideen und Szenen
entwickelt hatte, gab man beim Verlassen der Gruppe auf und nach
dem Zurückkommen hatte man kein Recht mehr darauf und musste
sich etwas Neues einfallen lassen.
Aus dieser Regel ergaben sich sehr merkwürdige Mechanismen.
Eine Schauspielerin beispielsweise, die vielleicht in der Gruppe
die selbstsicherste und souveränste war, verließ die
Gruppe mit bösen Worten. Kaum war sie gegangen, übernahm
ich alle Rollen, die sie bisher gespielt und entwickelt hatte:
Ihren Text, ihre Haltungen, Witze und dramatischen Pointen.
Als diese Schauspielerin nach drei Tagen wieder bei uns mitmachen
wollte, konnte sie kaum glauben, dass sie so problemlos ersetzt
worden war. Sie schaute, in Tränen aufgelöst, zu, wie
ich ihre Rolle spielte. Bald verwandelte sich ihr Weinen in ein
langes Lachen, und sie verwandelte sich von der kaum erträglichen,
arroganten Person, als die sie uns vorher erschienen war, in eine
weiche, von allen geliebte. Wir wurden ganz dicke Freunde und
konnten sehr gut miteinander spielen.
Wir probten wie nach Plan jede Nacht. Am Samstag probten wir nur
bis ein Uhr morgens, dann gingen wir zusammen in die Hafenkneipen
von St. Pauli und feierten bis in der Früh, als um sechs
Uhr der Fischmarkt begann.
Am Ende der Probezeit wurden während der letzten drei Tage
in gemeinsamem Gespräch die erarbeiteten Szenen miteinander
verwoben. Unser Gruppenname kam wie von alleine: "Taliban,
der Antiheld", damit war die Shakespearfigur "Taliban"
aus dem "Sturm" gemeint - ein Schwarzer, der sich gegen
alles auflehnt. Es kamen sowohl artistische Einzeldarbietungen
vor wie Gruppen, es gab Musik, Gespräch, Nonverbales, Diskussionen
mit dem Publikum, alles fand in unserem Naturtheater von Oklahoma
Platz.
Als wir mit der Aufführungsreise begannen, war ein starkes
Gruppengefühl da. Es gab in unserer Gruppe keinerlei soziale
oder andere Rangordnung, keine Eifersüchteleien und die Leitung
hatte sich schon lange in der Gruppe aufgelöst.
Wir spielten jeden Tag - einmal hatten wir wirklich nur einen
Obdachlosen als Zuschauer, der mit seinem Freund nach der Vorstellung
zu uns essen kam. Die Reise ging nicht bis nach Venedig, weil
sich irgendwann alles von alleine auflöste. Das Geld ging
einigen aus, andere mussten sonstigen Verpflichtungen nachkommen,
ich selbst hatte auch ein paar Soloauftritte angeboten bekommen
und musste denen den Vorrang geben, weil ich ja auch Geld brauchte.
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Der Clown als Lebensretter
"Immer versuchen. Immer gescheitert.
Einerlei.
Wieder versuchen. Wieder gescheitert.
Besser gescheitert."
GEORGE TABORE ERINNERT SICH AN SAMUEL BECKETT
Der Clown hat mich ein Leben lang begleitet. Mit 27 Jahren arbeitete
ich beim Zirkus "Tempodom" in Berlin als Zirkusclown
- nicht lange, weil das Geld ausging. Ich stand wieder auf der
Strasse und rettete mich eine Zeit lang mit dem Sklavenhändler.
Solche und ähnliche Geschichten des Scheiterns gab es viele
in meinem Leben. Im Zirkus war mir gesagt worden, dass der Clown
ein abgestürzter Artist ist. Als Artist war er perfekt -
die Leute staunten über seine Akrobatik und Kunst, als er
übers hoch gespannte Seil balancierte. Als Clown legt er
das Seil auf den Boden und balanciert mit hinkenden Beinen. Die
Leute staunen nicht, sondern sie lachen. Wenn er nicht über
seinen Absturz lachen kann, muss er die Manege verlassen, weil
er dann weder imstande ist, das Publikum zum Staunen, noch zum
Lachen zu bringen.
Charly Rivels, der bekannte Zirkusclown sagte einmal, jeder Mensch
sei ein Clown, aber nur die wenigsten hätten den Mut, ihn
zu zeigen.
Wenn sich der Clown nicht zeigt, dann muss er in den Stall und
für die Tiere arbeiten. Das ist für ihn furchtbar. Er
wird depressiv, einsam und traurig und überlegt, wie er wieder
in die Manege kann. Wenn er das Lachen hört, wird er wieder
gesund.
Erst wenn er seinen Absturz in seiner ganzen Tragweite sieht,
erkennt und annimmt, kann er daraus etwas Lustiges machen. Wenn
er das nicht schafft, ist er verloren. Seine ganze Existenz hängt
davon ab, denn er kann niemals den Zirkus verlassen, sonst muss
er verhungern. Außerhalb vom Zirkus kann er ja nichts.
Samuel Beckett meinte, am Ende stehe nicht das Drama, sondern
das große Lachen.
Feldenkrais forderte seine Schüler immer wieder auf, bewusst
Fehler zu machen, denn über Fehler könne man erst verstehen,
wie sich etwas entwickeln kann. Ein Kind, das nicht viele Male
in alle Richtungen zu Boden fällt, wird nie das Gehen lernen.
Daher ist für das Gehen das Fallen-lernen am wichtigsten.
Der aufrechte Gang kann erst verstanden werden, wenn ich das Fallen
verstanden habe.
Natürlich kann ich auch lernen, den Computer zu bedienen,
ohne Fehler zu machen, indem ich Kurse besuche und mich genau
an die Anweisungen des Lehrers und in den Handbüchern halte.
Aber ohne Freude, zu probieren und Fehler zu machen, macht dann
das fehlerfreie Computern auch keinen Spaß und da sogar
der Computer überraschend oft völlig anders reagiert,
als vorherzusehen wäre, kann ich all diesen unvorhersehbaren
Fällen wenig Handwerk entgegensetzen.
Der Fehler bleibt selbstverständlich ein Fehler, auch, wenn
man ihn zur kreativen Freiheit erklärt. Wenn ich mich weigere,
den Fehler als solchen bewusst zu sehen, wird er immer lästiger.
Erst wenn der Clown seinen Absturz bewusst annimmt und versteht,
kann er daraus eine Nummer machen.
Ich glaube, dass Fehler für jede Entwicklung auf jedem Gebiet
unbedingt notwendig sind.
Nur, weil der Clown seine Fehler zeigt, können wir ihn lieben.
Oliver Kahn, 2002 weltweit als der beste Tormann anerkannt, machte
einen großen Fehler, als er den Ball zwischen seinen Beinen
ins Tor durchrutschen ließ, woraufhin Brasilien die Weltmeisterschaft
gewann. Die Fachwelt und seine Fans verziehen ihm diesen Fehler
zwar, aber 2006, bei der nächsten Weltmeisterschaft, wollte
der Trainer der deutschen Mannschaft Sicherheit und setzte Kahn
nur als Reservetormann ein. Kahn nahm dieses Angebot nach einiger
Überlegungszeit und entgegen allen Erwartungen an.
Anstatt als weltbester Tormann die Fußballwelt zu verlassen,
tritt er nun als Reservetormann an. Millionen von Frauenherzen
jubeln ihm zu. Der Antiheld ist der eigentliche Held geworden.
Der Zirkus ohne Clown würde in der Perfektion erstarren.
Wir müssten nur staunen und hätten nichts zum Lieben.
Bei meiner letzten Regiearbeit für die Clownschule "Clownszeit
- Clownsbildung" in Düsseldorf war ein Clown dabei,
der vergaß, seinen Hut aufzusetzen und ein anderer erinnerte
sich, dass seine richtige Nase schon rot genug sei, und er zog
die rote Plastiknase aus und warf sie weg. Sie landete unbeabsichtigt
im Hut des ersten, der vergessen hatte, diesen Hut aufzusetzen.
Als er nun die fremde, rote Nase in seinem Hut sah, war sein Spiel
vor lauter Entsetzen gelähmt. Er konnte nicht mehr weiterspielen,
mit der Begründung, dass nun, mit der fremden Nase, sein
Hut verseucht sei und ohne Hut könne er nicht spielen. Er
wollte den Hut nun dem zweiten Clown schenken und selbst aufhören,
Clown zu sein.
Der zweite Clown aber hatte schon seinen eigenen Hut und wollte
keinen fremden. Als ich dem ersten Clown sagte: "Nimm ein
bisschen Abstand, leg den Hut eine Zeit lang in die frische Luft,
geh eine Zigarette rauchen oder ein bisschen spazieren",
tat er das auch. Nach Stunden kam er wieder zurück, immer
noch überzeugt, diesen verseuchten Hut nie mehr benutzen
zu können.
Ich fragte ihn, wie es wäre, wenn er einen Flohzirkus aus
dem Hut herauszaubern würde. Das interessierte ihn nicht.
Als ich ihm sagte, in der Küche gäbe es ein ganz starkes
Desinfektionsmittel, interessierte ihn das. Er desinfizierte seinen
Hut sehr gründlich. Ich fragte ihn dann, ob er jetzt wieder
spielen könne, und er fragte mich, was er denn spielen solle.
Ich antwortete: "Das, was du am Besten kannst."
Plötzlich wusste er es: Er nahm den Hut, setzte ihn auf,
sprang auf die Bühne und wollte Tanzmusik. Dann entwickelte
er eine Nummer, die so lustig und so stark war, wie wir ihn noch
nie gesehen hatten und wie er sich selbst auch noch nicht kannte.
Seine alte Nummer, die er Monate lang geübt hatte, und in
der es um seinen Putzzwang und der Angst vor Mikroben gegangen
war, war vergessen, und nun hatte er eine ganz neue.
Er bedankte sich bei mir und sagte, jetzt hätte er das Wichtigste
gelernt, nämlich, nicht kompliziert, sondern einfach zu denken.
Er hatte einfach getan, was er am besten konnte, und "nicht
immer", wie er sagte, "diese Scheißpsychologie
mit diesen ganzen Zwängen."
Eine Clownkollegin aus der gleichen Gruppe hatte auch eine sehr
schöne, bis in jedes Detail über Monate ausgearbeitete
Nummer vorbereitet. Als sie uns diese vorführte, fanden wir
die Nummer zwar schön, aber wir fanden nichts zum Lachen
dabei, daher war es für uns keine Clownnummer. Die Frau war
bereit, alles zu ändern, und nach ein paar Tagen wurde eine
Clownsnummer daraus. Alle waren wir zufrieden, nur meinte sie:
"Die ursprüngliche Nummer werde ich nicht wegwerfen,
sonder ich werde sie bei bestimmten Anlässen, wo es nicht
um den Clown geht, vorführen."
Bei jeder Arbeit dieser Art, die ich mache, stelle ich mir nachher
die Frage, was für mich Neues dabei war. In diesem Fall beschäftigte
mich die Rückmeldung der Clowns. Einer meinte: "Wir
staunten, wie du bei unseren ewigen Wiederholungen nie müde
wurdest, sondern immer hellwach mit einem halben Schritt im Voraus
dabei warst."
Das mit dem Hellwach in den Wiederholungen war mir klar: eine
Wiederholung wird nur dann ermüdend, wenn ich den Perfektionsanspruch
habe - die größte Falle des Clowns. Mich interessiert
das mögliche Unvorhersehbare, auch wenn es nicht eintrifft.
Ich überlegte, was mit dem halben Schritt im Voraus gemeint
war. Das hatte ich zum ersten Mal gehört. Wenn der Clown
neben mir steht und ich einen halben Schritt mache, dann muss
ein halber Schritt vorne, der andere halbe hinter ihm sein, sonst
ist es ein ganzer Schritt vorne oder ein ganzer Schritt hinten.
Da sie noch dazusagten: "Gleichzeitig warst du nie direktiv",
deutete ich den halben Schritt in meinem Verständnis zu Rogers,
dass dieser halbe Schritt für die Bedingungen kämpft,
während der halbe Schritt rückwärts bedeutet: Ich
stehe hinter ihm und kann ihm nie die Arbeit abnehmen.
Mein Clown ist meistens in der Schwebe. Bewusst ist mir nur,
dass ich nicht weiß, ob er komisch oder dramatisch wirkt.
Ich beschäftige mich mit dem, was mir gerade in mir an Abstürzen
begegnet und versuche, dafür Raum zu schaffen und mich so
zu manipulieren, dass zumindest ich lachen kann. Oft geschieht
das schon gleichzeitig, während ich es mache, ansonsten mit
Verspätung - nie genau wissend, ob das eventuell beim Anderen
auch so ist - dass mir jemand vielleicht mit Ernst zuschaut und
dann, einen Tag später, darüber lachen muss. Ich bin
ja auch kein Zirkusclown mehr.
Egal, was ich mache, ich versuche fast mit einer kleinen Leidenschaft,
Fehler zuzulassen und sie zu fördern, wo ich sie spüre.
Dahinter ist nicht die Freude, über den Fehler das Richtige
zu finden, damit ich daraus lernen kann, sondern die Freude der
Überraschung, was geschieht, wenn man den Fehler macht -
die Fehlerfreude.
Manchmal spüre ich sogar eine Wut, wenn mit bestimmten Handlungen
auch schon gleich die Wirkungen, die die Handlungen haben sollen,
mitgegeben werden. Zum Beispiel: "Spiele dein Problem und
du wirst das Problem nicht mehr haben", anstatt: "Spiel
dein Problem und etwas wird schon passieren."
In meiner Arbeit mit Klienten ist meine schönste Herausforderung,
wenn wir in Beziehung miteinander kommen und ich nicht weiß,
wohin das geht.
So gesehen ist der Clown für mich ein Lebensretter, weil
er sich von seinen Handlungen nicht Wirkungen, sondern Überraschungen
erwartet.
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