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Aktualisiert am 10. 4. 2010

RANDSTEINE FÜR KUNST UND KULTUR

1977-2010

Der Verein „DIE ROSSSCHAUKEL“

 

Hier finden sich einige Notizen und Schwerpunkte zur Kunst- und Kulturarbeit des Vereins „die Rosschaukel“ von 1977 bis 2010. Eine ausführliche Dokumentation dieser Arbeit in Bild und Text sowie auf Film ist direkt beim Verein Stilfser Brücke 23a einzusehen, sowie die Räume, Plastiken, Skulpturen, Kataloge, Bücher und Pressemappe.

Tel. 349 6187930 und 0471 285585.

Besonders möchten wir auf die beiden Bücher hinweisen: „Randsteine personzentriert“ von Guido Moser, Verlag die blaue Eule, ISBN 978-3-89924-214-0, in dem der Werdegang dieser Kultur und Kunst genau dokumentiert und beschrieben ist, sowie mit Theorieforschung zum personzentrierten Menschenbild und „Afrika in Stilfser Brücke – ein verborgenes Glück“ von Guido Moser und Daniel Oberegger, Projekte- Verlag Cornelius GmbH, ISBN 978-3-86634-878-3, in dem einer dieser Kunst- und Kulturprozesse, die Entstehung der Plastik „Hangsicherung bei Regen“ genau beschrieben und künstlerisch-literarisch verarbeitet wird, mit Theorieforschung zum personzentrierten Prozess.

 

 

 

Personzentrierte Prozesse zwischen Tradition und Moderne

 


2009 das Pfeiferhaus in Stilfs – ein Haus träumt.

Künstler: Lisl und Trude Saltuari, Daniel Oberegger


2008 das Karnutschhaus in Stilfser Brücke 23a – Parallelevents Manifesta7.

Künstler: Familie Saltuari und Oberegger aus Bozen


Leben und Kunst – Kunst und Arbeit

Die Schwalben sind für die Stilfser – vom Kind bis zum alten Mensch – ein Symbol für Ferne und Treue, da sie jährlich von ihrer tausende Kilometer langen Reise zurückkehren.

Die Räume der Rosschaukel, Stilfser Brücke 23a und das Pfeiferhaus in Stilfs sind eine räumliche und geschichtliche kulturelle Tatsache, die sich über die Jahrhunderte an der existentiellen Grenze veränderten. Vor mehr als hundert Jahren war das Pfeiferhaus in Stilfs ein Wohnhaus für Bergarbeiter und für Karner, beide aus der untersten sozialen Schicht, immer im Überlebenskampf, die die Weite, das Fremde und Unbekannte immer wieder aufsuchen mussten, damit sie, wie Schwalben, eine kurze Zeit lang in ihrer Tradition und an ihrem Geburtsort leben konnten.

 
 1997, Pfeiferhaus Stilfs, Ausstellung zu Alfred Pinggera, der leichte Wanderer vom Ochsenberg, Bergbauer aus Stilfs - verstorben

Die Rosschaukel kann in diesen Räumen nicht anders, als diese Pendelbewegung zwischen Neuem und Tradition fortzusetzen, und daraus entsteht der künstlerische Prozess mit Bauern, dem sterbenden Handwerk, Menschen mit Behinderung, die sich notgedrungen in den Kunstraum stellen, Hausfrauen, Kindern, Jugendlichen, alten Leuten – alles Randsteine in unserer Gesellschaft. Der Randstein am Straßenrand ist zugleich Schutz und Warnung vor dem Abgrund. Wenn die Kunst, die in der Interaktion dieser Gruppen als Sehnsuchtsraum immer da ist, verschwindet, wird das Leben immer grausamer.

All diese Gruppen erstarren, wenn sie nur in ihrem festgefahrenen Alltag bleiben müssen, aber sie können auch mit ihnen völlig Fremdem und Neuem nichts anfangen. In den Räumen der Rosschaukel haben sie die Möglichkeit, im Sinne von Boys, Künstler zu sein. Kunst wird Lebensraum, weil das Leben im Kunstraum im Dialog weiter geht, das Kunstwerk ist das Leben.

 


Die Künstler im Pfeiferhaus 

Vor 20 Jahren war das Pfeiferhaus ein Symbol für bedingungslos freie Kunst für die damals junge Avantgarde des Landes. Heute bekannte Künstler wie Jakob de Chirico, Franz Pichler, Matthias Schönweger, Günther Vanzo, Hubert Scheibe, Egon Rusina, Roman Moser, Reinhold Tappeiner machten im Pfeiferhaus Happenings, Performances, Kunstaktionen, Ausstellungen und Lesungen. Sie brachten dabei auch ihre Künstlerfreunde aus dem In- und Ausland mit und es entstanden Kunstaustausche zwischen europäischen Ländern, wie z. B. „Der Berg, das Meer – Raum für Ideen“ zwischen Schwerin und Stilfs.

All diese Kunstaktionen fanden nie isoliert vom Dorfleben statt, vielmehr sang beispielsweise der Kirchenchor von Stilfs Almlieder während die Venus vom Dokumenta-Künstler Pavel Schmit als Kunstaktion vor dem Pfeiferhaus gesprengt wurde.

Inzwischen wurde das Pfeiferhaus mehr zu einem Symbol für die stille Revolution: Im traditionellen Raum wird furchtlos das Neue und Eigene gelebt und gezeigt, zum Beispiel beim TaumencounterSoredl“, wo das Haus der träumende Körper wird. In seinem Inneren werden Traumfilme gezeigt, die in der Kunstarbeit hier entstanden sind und überraschende Sichtweisen lösen.


1992, Schwerin und Stilfser Brücke 23a: Multi-Media-Forum mit Ausstellung und Theater zum Thema „Der Berg – Das Meer – Raum für Ideen.“: Die Künstler sind in Schwerin angekommen: Von links nach rechts der Autor Vanzo Günther, in der Stofftasche trägt er seine Texte mit. Hubert Scheibe, der Künstler vom Reschensee, ein Wanderer ohne Schatten, steht daneben. Matthias Schönweger sagt „Ver Geld’s Gott“. Die Malerin Anna Platzgummer braucht viel Stille von Cezanne, Franz Pichler meint: „Es ist nicht nie zu spät“. Dahinter ein Schweriner Gastgeber, dann Guido Moser, der mit Roman Moser, welcher in Stilfser Brücke geblieben ist, den Südtiroler Teil des Kunstevents organisiert. Die Schweizer Künstlerin Nesa Gschwendt ist auch aus Stilfser Brücke gestartet, nicht aus der Schweiz, die zarte Frau mit dem weißen Kopftuch neben ihr ist aus Österreich. Sie  schnitt ihre Skulpturen mit der Motorsäge aus Baumstämmen, der Mann mit Sonnenbrille gehört zu den Schweriner Gastgebern.

 


Skulpturen und Installationen 


1994: Ein Randstein in meinem Garten - Skulptur zwischen ehemaligem Bürgermeister, Herrn Pinggera, Heinrich Schwabel und Roman Moser.
Die Welt zwischen sogenannten „Normalen“ und einem „Behinderten“. Alles schwebt. 

Im Freien wie in beiden Häusern zeugen verschiedenste Skulpturen und Installationen von ihrer Entstehungsgeschichte und den Prozessen, die sie gelöst haben.

Die Skulptur ist Spur oder Rest vom gemachten Prozess zwischen Künstlern und der phantastischen Welt der Normalität, und sie ist immer wieder Veränderungen unterworfen. Die aufgearbeitete Gartenbank des ehemaligen Stilfser Bürgermeisters, die dieser in einem Moment der Eingebung in Stücke geschlagen und als Kunstwerk neu zusammengesetzt und dann der Rossschaukel zur Verfügung gestellt hat, wurde zum Beispiel zum Dach für die Figur des Bildhauers Heinrich Schwabel, einem Grenzgeher zwischen Autismus und Wahnsinn. Romen Moser hat das Ganze komponiert und im Hang beim Karnutschhaus vor den Stierberg gestellt. Es entstand ein mystischer Raum zwischen dem Ausbruch aus der Normalität des Bürgermeisters, dem bereits der Normalität entschwundenen Heinrich Schwabel und dem Visionär Roman Moser.

Ein anderes Beispiel bildet die Grundlage für das neu erschienene Buch „Afrika in Stilfser Brücke – ein verborgenes Glück“. Die Skulpturen als Spuren vergangener Aktionen treiben den Kunstdiskurs immer wieder in neue Aktualisierungen.


Traumencounter im Pfeiferhaus


2009: Die Fensterchen in den 6 Außentüren vom Pfeiferhaus bemalt von Daniel Oberegger

Urmutter und Traumkörper Soredl ist ein halbdunkler Innenraum, jahrhunderte altes Fels- und Mauerwerk, kühl und feucht. Im Dämmerlicht auf der Bewusstseinsschwelle zeigen sich die Träume.

Es gibt kanalartige, höhlenmäßige Zu- und Ausgänge, aber auch die Märchentür, die normale Tür und den Tabernakelzugang.

Weil die vielen Augen vom Traumkörper geschlossen sind, kann man von außen in die Innenwelten schauen.

Die Angst als Urerfahrung aller Menschen, als Einsamkeit in der Nacht, als Konfrontation mit schwerer Krankheit und Tod, kollektive Bedrohung durch Klimawandel, Überbevölkerung, Ressourcenknappheit kommt aus dem Urgrund des Traums.

Der Kirschbaum, die Räuber im alten Haus mit der Apotheke von Frowin bringen frische Kraft und Gesundheit.

Das Geheimnis in der gefährlichen Zone bleibt beim „Mystery and the Bear“. – Alle zusammen, die Freiheit in der schwarzen Nacht, die Angst mit der Lust auf die Angst, der sexuelle Traum, der Liebestraum, der rosarote Panther funktionieren wie ein Lebewesen, wenn eine lebendige Begegnung zwischen uns und den Träumen passiert – so verstehen wir ein gutes Leben.

In der hellen Nacht gibt es Fragen und Fragen, die nicht beantwortet werden können. Sie kommen vom alten Mann.

Über diese Felsengalerie gelangt man zur Stube und Küche. Wieder darüber befindet sich der Kunst- und Ausstellungsraum, über dem auf verschiedenen Emporen die Schlafmöglichkeiten sind. Die Kanzel überschaut alles und ist an höchster Stelle

Kinderwelten

Wir arbeiten oft für Kinder, oft mit Kindern. Sie sind fast bei jeder Kunst- und Kulturaktion als Selbstverständlichkeit mit ihrem Ausdruck dabei. Ausgehend von der unendlichen Kraft und dem Lernpotential, das im Unendlichkeitsspiel des Kindes liegt, ist dieses nie starr, immer in Bewegung und voller schöpferischer Neugierde.

Das Kind weiß mehr über seine eigenen inneren Lebenswelten als je ein Erwachsener darüber wissen kann. Wir Erwachsene können ihm daher nur eine gleichrangige, wertschätzende Beziehungsform im regelfreien Spiel anbieten.

Kinder machen Theater, schreiben Texte, malen Bilder, erfinden Geschichten, forschen wertfrei mit den Erwachsenen mit und werden oft zu Inspirationsquellen für deren künstlerische Bemühungen.


Thermochemie
Dokumentation eines Misserfolgs


Freilichttheater 2007 „Thermochemie – der Ziegenhirt in der Zonme – Dokumentation eines Misserfolgs“ 

Das Karnutschhaus mit dem umliegenden Raum kann sich schlagartig mit den Menschen, die darin leben, verändern. Sie können im ersten Augenblick den aufblühenden Garten wie ein Paradies sehen und im nächsten Moment von einem trostlosen Schatten- und Wasserloch aus in depressive Abgründe schauen. Diese Zone hat unerforschte, eigene Gesetze.

Die Zone ist ein maximaler Theaterraum – magisch, existentiell und realistisch. Ausschlaggebend sind die Zustände und Spannungen, die in Interaktion zwischen Ort und Bewohnern entstehen.

Das Theaterstück entspricht nicht dem üblichen Verständnis von Theater, sondern ist im Auf- und Umbruch, im Spüren der Zeit und dessen, was im Moment geschieht.

Thermochemie steht für unsere thermochemische Welt mit globaler Erwärmung und globaler Bedrohung und Herausforderung bei immer kühler und distanzierter werdenden zwischenmenschlichen Beziehungen.


Synapsenforschung

Gehirn- und Bauchraum: Wie mein Bauch den Synapsen beim Denken hilft. Schlimm wäre der Verlust des Gedächtnisses. 

   
Stilfser Brücke 2005: Probenarbeiten zum Theaterstück „Ich schaue in meinen Garten“, mit Maria Miribung Elisabeth Moser und Daniel Oberegger, für das Festival „Erinnern und Vergessen- Kunststücke Demenz“. Bühne von Roman Moser


Bühnen und Ausstellungen
Objekte mit Behinderten


Stilfser Brücke 23a – Studiotheater München, 1988: Theaterstück „das letzte Band“ mit dem Schriftsteller Martin Sperr von Samuel Beckett. Regie: Guido Moser. Bühne: Roman Moser 


Der neorealistische Schriftsteller Martin Sperr, bekannt mit seinem Werk „Jagdszenen aus Niederbayern“, hatte einen schweren Autounfall. Eine Gehirnader ist geplatzt, er wurde dick und verlor sein Gedächtnis. In Samuel Becketts Stück „Das letzte Band“ versuchte ich mit ihm, nochmals einen Erinnerungsprozess auf die Bühne zu bringen, für das Münchner Studiotheater.


Kunst von und für Menschen mit Behinderung


„Schatten- am Abgrund der Himmel“ - 1. Welt- Alten- Theaterfestival in Köln, 1999
Meine Uhr geht automatisch. Sie zeigt mir die Zeit und den Tag.
Die Federn muss man aber trotzdem von Zeit zu Zeit abstauben.

Da der Mensch, verstanden als ein sich änderndes und immer neu zeigendes Phänomen, das Energien freisetzt für besseres Leben, immer destabilisierend ist, ist der personzentrierte Ansatz in seiner letzten Konsequenz ein radikal künstlerischer Ansatz. Wenn hingegen jede nicht verstandene Abweichung in Überanpassung zum System hin ausgebessert wird, ist es ein Trauer- und Jammerspiel. 

„Die Zugänge zur Kunst für Menschen mit Behinderung müssen freigeschaufelt werden. Die Kunst selbst ist schon da. Ein anderer Schwerpunkt ist der Impuls der Menschen mit Behinderung für die Kunst. In diesen beiden Denkmodellen liegen 1000 Möglichkeiten für Ideen und Umsetzungen, aber auch für Täuschungen und Spekulationen, für Manipulationen und Missbrauch – und für Verständnis erweckende erste Lernschritte, den Menschen zu begreifen.“

(Roman Moser arbeitet seit fast 40 Jahren mit Menschen mit Behinderung)   

Hubert Klotz tanzt mit der Soul- und Rocksängerin Marla Glenn nach der Aufführung „Schatten – am Abgrund der Himmel“ im Gürzenich von Köln.


Der Waldboden

Der Körper steuert die Kunst
Implizites Erleben von Daniel Oberegger und Guido Moser

 
Vom 16 Juli, 7 Uhr bis 19. Juli 2009, 20 Uhr in Stilfser Brücke 23a  

Wir alle kennen, wie der Kopf, das Denken, den lebenden Körper steuert.

Das ist in der Kunst meistens nicht anders als in der Politik, im Familienleben, in der Selbstverwirklichung, in der Beziehung zu Dingen und Mitmenschen.

Wir versuchen während dieser vier Tage dieses gewohnte Verhalten umzukehren und dem Körper zu erlauben, die Kunst zu steuern, weil wir neugierig sind, was dann geschieht.


Bücher und Kataloge:

 2010

 

2008


In diesem Buch gibt es eine ausführliche
Dokumentation mit Zeittafel von 1977-2008

 

Soredl- Traumencounter im Pfeiferhaus