DAS ROSAROTE PLÜSCHHUHN


Brief an Graf Ingo von Trottelbusch und seine Frau Uta von der Kruppelheide:

Geschätzte Frau von der Kruppelheide,
sehr geehrter Herr von Trottelbusch!

Nachdem ich erfahren habe, daß Sie an einer Oper von mir interessiert sind, welche in Ihrem Privatpalast aufgeführt werden soll, möchte ich mich erst einmal herzlichst bei Ihnen für diesen Kompositionsauftrag bedanken. Sie baten mich in Ihrem freundlichen Brief um Vorschläge, den Inhalt oder das Libretto meiner Oper betreffend, und ich schicke Ihnen hiermit einen ersten dramaturgischen Vorschlag.
Mir schwebt eine fünf-aktige Handlung vor, die auf dem Lande spielt. Herrliche Wälder und Wiesen sind auf sanften Hügeln ausgebreitet, frohe Morgenstimmung, da und dort steht ein friedlicher Bauernhof, eine Kirche vielleicht, ein paar Gasthäuser - doch die Idylle trügt. Nach der Ouvertüre, in welcher das eben beschriebene malerisch- beschauliche Landleben gezeigt wurde, vielleicht auch von einer Ballettgruppe dargestellt (etwa der Bauer mit seinen glücklichen Hühnern) tritt der Bürgermeister auf. Er ist formell gekleidet, sein schwarzer Anzug paßt schlecht in die bäuerliche Umgebung. Er geht mit strengem Schritt auf den Bauern zu und sagt:

BÜRGERMEISTER:
Das dulde ich auf keinen Fall,
das Rosa auf dem Hühnerstall!
Entfernen Sie die rosa Farbe auf der Stell,
Was Sie hier treiben, das ist illegal und kriminell.
Will man auf teurem Heimatboden etwas bauen,
erfordert dieses einen höchst genauen -

natürlich beglaubigten,
genehmigten,
vidimierten Plan,

bevor man auch nur anfangen darf und kann:
Man muß den Landschaftsschutz befragen,
die neuen Kubaturen sind im Katasteramt einzutragen.
Es besteht zudem der Plan,
eine Erdgasleitung durch Ihren Grund zu führen,
deshalb ist auch vor jeglicher Initiative
der Bauleitplan zu konsultieren.

Hühnerzucht hat unauffällig zu sein!

Die vier Lautsprecher auf dem Giebel Ihres Hühnerstalles wären geeignet, eine frohe Doktrin, eine ernste Botschaft, eine sakrosankte Wahrheit zu verkünden, nicht haltloses, verworrenes Gegacker. Haben Sie schon mit dem Pfarrer gesprochen? Wer garantiert uns, daß die Hennen nicht die Sonntagsruhe gefährden? Der Bauernbund hat eine Sitzung anberaumt, Ihr Hühnerstall steht schon auf der Tagesordnung. Sie werden doch nicht hoffen, eine Mehrheit zu finden?

BAUER: Es muß aufhören, daß man sagt, die Hühner sind blöd! Seit ich ihnen Hölderlin vorlese: "Hyperion an Bellarmin: "War sie nicht mein, ihr Schwestern des Schicksals, war sie nicht mein?" ", ist ihr Sinn gewandelt, Ihr Verhalten wie ausgewechselt. Habe ich sie nicht selbst die Farbe ihrer Behausung wählen lassen, indem ich ihnen Futter in verschiedenen Freßnäpfen reichte, in Blau, in Gelb, in Rot, in Schwarz, in Grün, in Rosa?
Etwas sage ich Ihnen: Der rosa Napf war immer leer! Sie haben rosa gewählt, meine Hennen, wenn Sie das verstehen!!
Was die Lautsprecher anbelangt: Ich wollte, ich mußte meinen Hennen Gehör verschaffen. Ihre Stimmen sollen auch draußen zu hören sein, denn: Meine Hennen haben Wesentliches zu sagen. Wenn Sie dafür kein Verständnis aufbringen: Auch die Legeleistung der Hennen hat sich verdoppelt.

BÜRGERMEISTER: Was gehen mich Ihre Hühner an? Sie müssen sich an die Vorschriften halten!

BAUER:
Sie hoffnungsloser Bürokrat,
elendiglicher Stinksoldat,
geh hin woher du bist gekrochen,
du blöder, müder Sitzungsknochen!
Ausgestopfter Hering, Kuhscheißetreter,
ausgezehrt dummer Paragraphenanbeter!
Blödian! Hirnochs! Arschloch, papierenes!
Ötzi! Neandertaler!
Flaschenfurzer!

BÜRGERMEISTER:
Und wollen Sie im Guten es nicht einseh'n, nicht verstehen,
so werde ich aufs Schnellste mich gezwungen sehen
mit fester Hand gleich einzugreifen und mich zu bequemen
die nötigen Schritte schleunigst einzuleiten und zu unternehmen:
Damit nun niemand mehr den rosa Hühnerstall betrachtet
werden die Hühner sämtlich all gemordet und geschlachtet.
Hölderlin wird verboten und zensiert,
die Lautsprecher werden abmontiert,
dann wird der Hühnerstall gleich grau gestrichen
und so den heimatlichen Normen angeglichen-
und dann... dann werd' ich den Beschluß verfassen,
ihn letzten Endes abreißen zu lassen.
Wegen Ehrbeleidigung werden Sie zudem verklagt,
mit Schimpf und Schande aus dem Dorf verjagt.
Sie wissen ja nicht, mit wem Sie sich da angelegt -
und auch ihr Rasen- der ist völlig ungepflegt.

Der Bürgermeister geht erzürnt weg, Vorhang, Ende des ersten Aktes.

Ich bitte Sie, mir mitzuteilen, ob Ihnen Stoff und Thematik gefallen, sodaß ich mich gegebenenfalls gleich an die Arbeit machen kann. Einstweilen verbleibe ich mit herzlichsten Grüßen, Ihr Komponist
Mr. Osvaldo,
Kontrabassist des kaiserlichen Orchesters
aus dem Land der Farne

 

Der zweite Brief von Mr. Osvaldo:

Geschätzte Frau von der Kruppelheide,
sehr geehrter Herr von Trottelbusch!

Mit Freuden erhielt ich Ihren zweiten Brief, in welchem Sie mich ermunterten, das von mir vorgeschlagene Libretto in Angriff zu nehmen. Ich schicke Ihnen hiermit auf Anfrage des geschätzen Herrn Ingo den Inhalt des zweiten und dritten Aktes nebst dem Klavierauszug einer Arie des Bauern (die Rolle des Bauern singt ein Tenor, der Bürgermeister ist ein hoher Sopran, als Mann verkleidet, die schöne Touristin hingegen ist ein tiefer Baß, als Frau verkleidet). Zudem kann ich Sie, Frau Uta, beruhigen: Ich werde die Geschichte sicher gut ausgehen lassen, die Handlung zum vierten und fünften Akt schicke ich Ihnen, wenn ich sie mir fertig ausgedacht habe.

Im zweiten Akt wird gezeigt, wie sich der Bauer grämt. Er ist zerstreut und von trüben Gedanken geplagt. Er versucht gerade, in seiner gemütlichen Bauernstube einen Vanillepudding zu machen.

BAUER:

Heute gibt's Pudding!
Auf der Packung steht: "Drei Eßlöffel Zucker mit Puddingpulver in den Topf. Milch unter ständigem Rühren hinzugeben."
Auf der Milch, da steht: "In den Falz greifen, auseinanderziehen"- danebengeschlatzt
Klöllchen vermeiden, rühren, rühren...
Knöllchen zerdrücken, rühren, rühren...
Jetzt - jetzt kocht der Pudding, ich werde ihn rühren, bis er fertig ist.
Jetzt ist er fertig. Nun in die Form gegossen.
Stehenlassen bis er abkühlt.
Jetzt ist er kalt, stürzen.
Was klirrt denn da?
Meine Brille! Wie ist sie in den Pudding gekommen? In die Waschmaschine damit!
Jetzt werde ich den Pudding essen. BÄÄÄH!
Versalzen.
Die drei Löffel waren zuviel; oder ist die Milch sauer gewesen?
Hätte ich ihn nicht anbrennen lassen, hätte er sicher gut geschmeckt.
(Link, um die hierzu komponierte Musik, im mp3- Format, zu hören) (853k)


Draußen hupt jemand. Der Bauer läßt seinen Pudding stehen und öffnet die Tür. Es ist die wunderschöne Touristin. Sie hat lange, rote Haare und ist in einem roten Sportwagen angekommen. Ihr rotes Kleid flattert aufreizend im Wind. Sie haucht dem Bauern zu:

TOURISTIN: Ich bin über den oberen Weg gekommen. Sei unbesorgt, es wird alles wieder gut.


Dritter Akt: Die Touristin im Hühnerstall läßt sich von den Hennen beraten. Die Hennen lesen sich gegenseitig Majakovsky und Hölderlin vor.

HUHN 1:
...Mein Dichten
füllte mir nie
die Taschen
mit Rubeln -
oder Möbeln mein Haus.
Mit einem Hemd,
das frisch gewaschen,
ich sage es ehrlich,
komme ich aus...

HUHN 2: In lieblicher Bläue blühet vor dem metallenem Dache der Kirchthurm. Den umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgiebt die rührendste Bläue. Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne.

HUHN 1:
...in lichter
Zukunft
im Zentral-
Komitee,
über der Bande
poetischer
Diebe und Kriecher,
erheb ich
als Ausweis der KP...

TOURISTIN: Wie kann man verhindern, daß der Bürgermeister diesen Hühnerstall abreißen läßt?

HUHN 4: Schenk' dem Bürgermeister ein rosarotes Plüschhuhn!

TOURISTIN: Ob das hilft?

HUHN 4: Es wirkt gewiß.

HUHN 2: Wenn einer unter der Glocke herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tönen, sind wie Thore an Schönheit.

Der dritte Akt, das Zentrum der Komposition, soll musikgeschichtlich allumspannend sein. Ich denke an eine simultane Aufführung von einer romantischen Chorkomposition, von "Stele di diotima" aus Bruno Madernas "Hyperion" und den dazu- und hineinkomponierten Passagen der Texte von Hühnern und Touristin. Gleichzeitig sollen aus den Lautsprechern weitere Literaturzitate ertönen, ähnlich wie im Requiem von Bernd Alois Zimmermann.
In der Hoffnung, Ihren Erwartungen zu genügen, verabschiede ich mich mit den herzlichsten Grüßen, Ihr Komponist
Mr. Osvaldo,
Komponist und Kontrabassist

 

Der dritte Brief:

Geschätzte Frau von der Kruppelheide,
sehr geehrter Herr von Trottelbusch!

Bei meinem letzten Besuch bei Ihnen konnte ich Ihnen über die Dispositionsänderungen, die Komposition der Oper betreffend, berichten. Der Form halber möchte ich das Gesagte kurz schriftlich niederlegen. Wie ich schon in meinem vorigen Brief mitteilen konnte, habe ich für den dritten Akt die Kompositionstechnik der Kollage gewählt. Zu den schon aufgezählten Texten und Musiken will ich nun hauptsächlich Werke verwenden, die selber stark mit Zitaten arbeiten: Den dritten Satz aus Berios Symphonie und "Musique pour le suppers du roi Ubu" von Zimmermann. Auch diverse weitere Texte von Novalis (Hymnen an die Nacht), Dostojewsky (Großinquisitor), James Joyce (Ulysses), Gottfried Benn (Statische Gedichte, Trunkene Flut), Lean Damas, G. Brooks, Paul Vezey, Ezra Pound, (Canto LXXIX) will ich verwenden. Formal gesehen gedenke ich diesen Mittelteil in einer auf das Musikalische bezogenen Technik des "stream of consciousness" zu gestalten. Es soll großartig werden, und ich möchte mir genügend Zeit nehmen, all dieses Neue in das rechte musikalische Verhältnis zu setzen.

Hier der Inhalt aus dem vierten und letzten Akt:

HUHN 3:
Luchs, hüte dich vor den Dornranken, O Luchs,
O Luchs,
Kythera,
hier sind Luchse und das Klingen der Crotale
O Luchs,
Luchs,
Ein Staubflirren von altem Laub

Der Bürgermeister kommt. Er marschiert stolz einher, gefolgt von Baggern und Kriegspanzern, während sich im Orchester Blech und Schlagwerk entfesseln, unterstützt von Chören, Lautsprechern, Projektionen. Die Touristin hat ein rosarotes Plüschhuhn im Arm und stellt sich mutig dem Bürgermeister in den Weg.

TOURISTIN:
Der Tourismus geht zu grund',
ist der Hühnerstall nicht bunt.

Sie schenkt dem Bürgermeister das rosarote Plüschhuhn, und in diesem Augenblick stehen Bagger, Panzer, Orchester, Projektionen still, nur die Geigen beginnen, eine rührende Melodie zu spielen. Lichtwechsel. Nach einer Weile sagt der Bürgermeister bewegt:

BÜRGERMEISTER: Ja, wenn das so ist...

BÜRGERMEISTER (beiseite gesprochen):
Wer brach mein Wüten, diesen Wahn?
Das Plüschhuhn hat's allein getan.
Es soll mich nunmehr treu begleiten
in frohen und in schlimmen Zeiten,
in jedem Ausschuß, im Gemeinderat
steh es mir bei mit Rat und Tat.
Und auch daheim soll's bei mir wohnen,
ich will es hundertfach belohnen.

Fünfter Akt: Idylle, nur noch schöner als am Anfang, diesmal Abendstimmung. Der Bauer sieht mit seinen Hennen der untergehenden Sonne zu.

BAUER:
Der Tag gehet zur Neige.
Auf Hof und Hühnerstall und Heimatsamt,
legt sich nun sacht die Dämmerung wie Samt,
man hört die zarte Geige,
während am Horizont der Hahn und der Pfarrer spazieren gehen-
und sie trösten sich,
wir können sie verstehen:

Der Hahn empfindet den Sieg seiner demokratischen Hennen als Niederlage, war er doch der einzige, welcher sich stets weigerte, Hölderlin zu lesen und aus dem rosaroten Napf zu kosten, und des Pfarrers Kirchenglocken sind nun auch nicht mehr das einzige, was übers Land zu hören ist.

Keiner ärgert sich mehr
über meinen rosa Hühnerstall,
gerettet ist die Ehr,
und beigelegt der Fall.
Doch wüßtet ihr, ach, wüßtet ihr nur,
was sich bei meinen Hühnern abspielt: KULTUR!

So sagt Hyperion zu Bellarmin: "Frägst du, wie mir gewesen sei um diese Zeit? Wie einem, der alles verloren hat, um alles zu gewinnen."
Jetzt lesen die Hühner selbst den Kühen vor und jene lauschen beglückt, und geben bessere Milch.

HUHN 2: Giebt es auf Erden ein Maaß? Es giebt keines. Nemlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne.

TOURISTIN: Ich komme jetzt jedes Jahr!

Ich hoffe, daß die Aufführung gelingen wird und verbleibe abermals mit den herzlichsten Grüßen, Ihr
Mr. Osvaldo

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