| DAS ROSAROTE PLÜSCHHUHN
Geschätzte Frau von der Kruppelheide, Nachdem ich erfahren habe, daß Sie an einer Oper von mir interessiert
sind, welche in Ihrem Privatpalast aufgeführt werden soll, möchte
ich mich erst einmal herzlichst bei Ihnen für diesen Kompositionsauftrag
bedanken. Sie baten mich in Ihrem freundlichen Brief um Vorschläge,
den Inhalt oder das Libretto meiner Oper betreffend, und ich schicke Ihnen
hiermit einen ersten dramaturgischen Vorschlag. BÜRGERMEISTER: natürlich beglaubigten, bevor man auch nur anfangen darf und kann: Hühnerzucht hat unauffällig zu sein! Die vier Lautsprecher auf dem Giebel Ihres Hühnerstalles wären geeignet, eine frohe Doktrin, eine ernste Botschaft, eine sakrosankte Wahrheit zu verkünden, nicht haltloses, verworrenes Gegacker. Haben Sie schon mit dem Pfarrer gesprochen? Wer garantiert uns, daß die Hennen nicht die Sonntagsruhe gefährden? Der Bauernbund hat eine Sitzung anberaumt, Ihr Hühnerstall steht schon auf der Tagesordnung. Sie werden doch nicht hoffen, eine Mehrheit zu finden? BAUER: Es muß aufhören, daß man sagt, die Hühner
sind blöd! Seit ich ihnen Hölderlin vorlese: "Hyperion
an Bellarmin: "War sie nicht mein, ihr Schwestern des Schicksals,
war sie nicht mein?" ", ist ihr Sinn gewandelt, Ihr Verhalten
wie ausgewechselt. Habe ich sie nicht selbst die Farbe ihrer Behausung
wählen lassen, indem ich ihnen Futter in verschiedenen Freßnäpfen
reichte, in Blau, in Gelb, in Rot, in Schwarz, in Grün, in Rosa? BÜRGERMEISTER: Was gehen mich Ihre Hühner an? Sie müssen sich an die Vorschriften halten! BAUER: BÜRGERMEISTER: Der Bürgermeister geht erzürnt weg, Vorhang, Ende des ersten Aktes. Ich bitte Sie, mir mitzuteilen, ob Ihnen Stoff und Thematik gefallen,
sodaß ich mich gegebenenfalls gleich an die Arbeit machen kann.
Einstweilen verbleibe ich mit herzlichsten Grüßen, Ihr Komponist
Der zweite Brief von Mr. Osvaldo: Geschätzte Frau von der Kruppelheide, Mit Freuden erhielt ich Ihren zweiten Brief, in welchem Sie mich ermunterten, das von mir vorgeschlagene Libretto in Angriff zu nehmen. Ich schicke Ihnen hiermit auf Anfrage des geschätzen Herrn Ingo den Inhalt des zweiten und dritten Aktes nebst dem Klavierauszug einer Arie des Bauern (die Rolle des Bauern singt ein Tenor, der Bürgermeister ist ein hoher Sopran, als Mann verkleidet, die schöne Touristin hingegen ist ein tiefer Baß, als Frau verkleidet). Zudem kann ich Sie, Frau Uta, beruhigen: Ich werde die Geschichte sicher gut ausgehen lassen, die Handlung zum vierten und fünften Akt schicke ich Ihnen, wenn ich sie mir fertig ausgedacht habe. Im zweiten Akt wird gezeigt, wie sich der Bauer grämt. Er ist zerstreut und von trüben Gedanken geplagt. Er versucht gerade, in seiner gemütlichen Bauernstube einen Vanillepudding zu machen. BAUER:
TOURISTIN: Ich bin über den oberen Weg gekommen. Sei unbesorgt, es wird alles wieder gut.
HUHN 1: HUHN 2: In lieblicher Bläue blühet vor dem metallenem Dache der Kirchthurm. Den umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgiebt die rührendste Bläue. Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne. HUHN 1: TOURISTIN: Wie kann man verhindern, daß der Bürgermeister diesen Hühnerstall abreißen läßt? HUHN 4: Schenk' dem Bürgermeister ein rosarotes Plüschhuhn! TOURISTIN: Ob das hilft? HUHN 4: Es wirkt gewiß. HUHN 2: Wenn einer unter der Glocke herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tönen, sind wie Thore an Schönheit. Der dritte Akt, das Zentrum der Komposition, soll musikgeschichtlich
allumspannend sein. Ich denke an eine simultane Aufführung von einer
romantischen Chorkomposition, von "Stele di diotima" aus Bruno
Madernas "Hyperion" und den dazu- und hineinkomponierten Passagen
der Texte von Hühnern und Touristin. Gleichzeitig sollen aus den
Lautsprechern weitere Literaturzitate ertönen, ähnlich wie im
Requiem von Bernd Alois Zimmermann.
Der dritte Brief: Geschätzte Frau von der Kruppelheide, Bei meinem letzten Besuch bei Ihnen konnte ich Ihnen über die Dispositionsänderungen, die Komposition der Oper betreffend, berichten. Der Form halber möchte ich das Gesagte kurz schriftlich niederlegen. Wie ich schon in meinem vorigen Brief mitteilen konnte, habe ich für den dritten Akt die Kompositionstechnik der Kollage gewählt. Zu den schon aufgezählten Texten und Musiken will ich nun hauptsächlich Werke verwenden, die selber stark mit Zitaten arbeiten: Den dritten Satz aus Berios Symphonie und "Musique pour le suppers du roi Ubu" von Zimmermann. Auch diverse weitere Texte von Novalis (Hymnen an die Nacht), Dostojewsky (Großinquisitor), James Joyce (Ulysses), Gottfried Benn (Statische Gedichte, Trunkene Flut), Lean Damas, G. Brooks, Paul Vezey, Ezra Pound, (Canto LXXIX) will ich verwenden. Formal gesehen gedenke ich diesen Mittelteil in einer auf das Musikalische bezogenen Technik des "stream of consciousness" zu gestalten. Es soll großartig werden, und ich möchte mir genügend Zeit nehmen, all dieses Neue in das rechte musikalische Verhältnis zu setzen. Hier der Inhalt aus dem vierten und letzten Akt: HUHN 3: Der Bürgermeister kommt. Er marschiert stolz einher, gefolgt von Baggern und Kriegspanzern, während sich im Orchester Blech und Schlagwerk entfesseln, unterstützt von Chören, Lautsprechern, Projektionen. Die Touristin hat ein rosarotes Plüschhuhn im Arm und stellt sich mutig dem Bürgermeister in den Weg. TOURISTIN: Sie schenkt dem Bürgermeister das rosarote Plüschhuhn, und in diesem Augenblick stehen Bagger, Panzer, Orchester, Projektionen still, nur die Geigen beginnen, eine rührende Melodie zu spielen. Lichtwechsel. Nach einer Weile sagt der Bürgermeister bewegt: BÜRGERMEISTER: Ja, wenn das so ist... BÜRGERMEISTER (beiseite gesprochen): Fünfter Akt: Idylle, nur noch schöner als am Anfang, diesmal Abendstimmung. Der Bauer sieht mit seinen Hennen der untergehenden Sonne zu. BAUER: Der Hahn empfindet den Sieg seiner demokratischen Hennen als Niederlage, war er doch der einzige, welcher sich stets weigerte, Hölderlin zu lesen und aus dem rosaroten Napf zu kosten, und des Pfarrers Kirchenglocken sind nun auch nicht mehr das einzige, was übers Land zu hören ist. Keiner ärgert sich mehr So sagt Hyperion zu Bellarmin: "Frägst du, wie mir gewesen
sei um diese Zeit? Wie einem, der alles verloren hat, um alles zu gewinnen." HUHN 2: Giebt es auf Erden ein Maaß? Es giebt keines. Nemlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. TOURISTIN: Ich komme jetzt jedes Jahr! Ich hoffe, daß die Aufführung gelingen wird
und verbleibe abermals mit den herzlichsten Grüßen, Ihr |