Der Motorradfahrer

Das Knattern eines näherkommenden Motorrads ist zu hören. Die Maschine hält, ein bärtiger Mensch betritt die Bar mit der Frage: "'Tschuldigen Sie, gibt's hier wo 'ne Tankstelle?"
Die schwangere Frau sieht zum Motorradfahrer hinüber, erstarrt und wird blaß. Ein fast unhörbar gezischtes "Joe!" kommt über ihre Lippen. Auch der Motorradfahrer wird blaß, erstarrt und knurrt, ebenfalls kaum hörbar: "Elke!"
Stille in der Bar. Die besoffenen Isländer schauen neugierig zu, wie sich die Situation entwickeln wird. Die schwangere Frau greift plötzlich schnell unter den Tresen und holt ein riesiges Nudelholz hervor. Dann geht sie langsam und bedrohlich auf den Motorradfahrer zu, das Nudelholz so fest in der Hand haltend, daß die Knöchel weiß hervortreten: "Du Hund!", zischt sie.
"Du wagst es, mir noch einmal unter die Augen zu kommen? Na warte", und sie will sich mit dem Nudelholz gerade auf den Motorradfahrer stürzen, da stammelt dieser, während er hilfesuchend umherblickend zurückweicht, schnell: "Es tut mir leid... es ist mir etwas dazwischengekommen... ich konnte nicht anders, Liebes, versteh doch... jetzt aber wird alles gut...", und ganz unerwarteterweise läßt Elke ihr Nudelholz auf den Boden fallen und wirft sich dem Motorradfahrer schluchzend in die Arme: "Endlich bist du wieder da! O Joe, wie sehr habe ich dich vermißt!"
Der Motorradfahrer ruft überrascht: "Ja, Liebes. Ich bin zurückgekommen. Ich kann dir alles erklären, doch erst bringe ich dich fort von hier. Du sollst in dieser Bar am Arsch der Welt doch nicht arbeiten. Setz' dich auf mein Motorrad und ich fahre mit dir in ein neues, besseres und schöneres Leben."

ELKE: "Ist das auch wirklich wahr?"
JOE: "Aber natürlich. Wie könnte ich jemals so ein himmlisches Geschöpf wie dich belügen?"
ELKE: "Ich kann es immer noch nicht glauben."
JOE: "Ich auch nicht."
ELKE: "Ich habe eine schwere Zeit hinter mir. Endlich bist du wieder da."
JOE: "Ja. Kannst du mir Geld geben? Ich muß tanken."
ELKE: "Hast du denn gar kein Geld?"
JOE: "Nur momentan bin ich etwas knapp bei Kasse."
ELKE: "Hier."
JOE: "Danke. Komm, wir tanken voll und fahren gleich los."
ELKE: "Ja, das wollen wir tun."

Gesagt, getan. Elke hat ihre wenigen Habseligkeiten bald beisammen, und innerhalb kürzester Zeit sitzt sie wieder, wie vor neun Monaten, hinterm Motorradfahrer Joe auf dem Sattel, sich an diesen klammernd, um nicht herunterzufallen, spürt die kalte Luft an ihren Haaren zerren und sieht die Landschaft vorbejagen.
"Ich kenne da einen tollen Ort", brüllt Joe, doch Elke kann nichts verstehen, da das Motorrad so laut knattert. "Was?", schreit sie ihm ins Ohr.
"Ich kenne da einen tollen Ort", brüllt Joe noch lauter, "es heißt Drangajökull."
"Wie?"
"DRANGAJÖKULL!!"
"Ach so."

Nach langer Fahrt hält Joe endlich an. "So. Das hier ist Drangajökull", sagt er schlicht und kramt in den vielen Taschen, die an seinem Motorrad befestigt sind, während Elke leicht frierend und die überwältigend schöne Landschaft betrachtend danebensteht. Joe schlägt sein Zelt auf, sucht Holz für ein Lagerfeuer, kocht sich Kaffee darüber in einem ausgebeulten Topf, bettet Elke, die schon die ganze Zeit leichte Wehen hat, in zerfledderte Decken und ist guter Dinge.

ELKE: "So fröhlich warst du selten."
JOE: "Jetzt sind wir wieder zusammen."
ELKE: "Du wirst mich trotzdem bald verlassen."
JOE: "Nie mehr."
ELKE: "Aber was soll aus uns werden?"
JOE: "Ich laß dich nicht im Stich."

ELKE: "Au!"
JOE: "Was ist?"
ELKE: "Aaaaah!"
JOE: "Was hast du?"
ELKE: "Ich glaube, das Kind kommt..."
JOE (stürzt hin): "Ruhig und tief atmen. Hab' ich im Fernseh' gesehen - in der "Schwarzwaldklinik", ich kenn mich aus."
ELKE: "Oooooh, aaaaah"
JOE: "Ich kann schon den Kopf sehen."
ELKE: "Aaaaaaaaah!"
JOE: "Nur Mut!"
ELKE: "Aaaaaaaaaaah!"
BABY: "Waaaaah!"
JOE: "Geschafft."
BABY: "Waaaaah!"
ELKE: "Ist es ein Junge?"
BABY: "Waaaaah!"
JOE (gibt Elke das Kind in die Arme): "Nein, ein Mädchen. So hübsch - sie gleicht ganz ihrer Mutter."
BABY: "Waaaaah!"
ELKE: "Wie spät ist es?"
JOE (schaut auf die Uhr): "Zwei Minuten vor Elf. Wieso?"
ELKE: "Wegen dem Horoskop."
BABY: "Waaaaah!"
ELKE: "Jetzt müssen wir die Nabelschnur durchschneiden."
BABY: "Waaaaah!"
JOE: "Hier - mit dem Taschenmesser - kurz und schnell - zack!"
BABY: "Waaaaah!"
ELKE: "Wenn es ein Junge gewesen wäre, hätte ich ihn Karl genannt, aber wie ich meine Tochter nennen könnte... darüber nachzudenken kam mir gar nicht in den Sinn."
BABY: "Waaaaah!"
JOE: "Nennen wir sie Susi?"
BABY: "Waaaaah!"
ELKE: "Um Himmelswillen, nein!"

Elke legt das Neugeborene an ihre Brust, der Motorradfahrer kramt aus seinen zahlreichen Reisetaschen Taschentücher und weitere schmuddelige Decken hervor, schrubbt mit den Taschentüchern das Baby ab und hüllt dann die Mutter und das Neugeorene in die vielen Decken ein. Das Baby nuckelt kurz an der Brust der Mutter und schläft gleich ein.

JOE: "Dann muß sie Natalie heißen."
ELKE: "Ja. Das ist ein schöner Name."
JOE: "Wie geht es dir?"
ELKE: "Gut. Bin nur ein wenig müde."
JOE: "Es ist schon spät."
ELKE: "Aber immer noch hell. Ich will nicht mehr lange so hoch am Norden bleiben. Die Sonne geht im Sommer nie richtig unter und im Winter nie richtig auf."
JOE: "Morgen fahren wir nach Süden - wenn du willst bis zu den Giraffen nach Afrika."
ELKE (seufzt): "Ach, was wird bloß aus uns werden?"
JOE: "Wir gründen eine Familie."
ELKE: "Wir sind bereits eine Familie, aber du bist ein Landstreicher."
JOE: "Jetzt nicht mehr. Morgen suche ich mir eine fixe Arbeit und werde seßhaft."
ELKE: "Wirklich?"
JOE: "Aber ja. Mit einer Tochter habe ich doch Verantwortung."
ELKE: "O Liebster! Es ist schön, so etwas zu hören. Jetzt wirst du immer, immer bei mir bleiben, nicht wahr?"
JOE: "Ja, Liebes"

Elke schläft mit dem Kind in den Armen friedlich ein, glaubt Joe jedes Wort, hat völliges Vertrauen, ist selig - und wie sie aufwacht, ist der Motorradfahrer schon verschwunden.


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