Welch ein Tag!

Ein Flugzeug stürzt ab, alle retten sich mit Fallschirmen.
Ein Bus hält.
Ein Zug fährt vorüber.
Marianne breitet die Milchstraße darüber.

Sie sind gekommen, haben ein kleines, wuscheliges Kind an der Hand genommen.
Fehlen sie immer noch? Die stille Meeresbucht, Karl, nur von re-gungslosen Krokodilen bedroht, die roten Liegestühle im Stil der Jahr-hundertwende, der fünfte Saturnenring unter den Augen, die dreiecki-gen Propeller, die grüngestrichenen Telegrafenmasten?
Was fehlt?

Hätten die Glockenblumen nicht wie wild geläutet, hätte er sie zu pflücken vergessen.
Er will Rosen liebkosen, Marianne küssen, sich von den Bienen ste-chen lassen. Aus tiefen Schächten steigt er ans Tageslicht, Telegramme unwillig von den Schultern schüttelnd.
Oder war es der Briefträger?

Ob der Gärtner noch schläft, fliegendurchsummt, bienendurch-brummt?
Blaues Zelt, Glockenfirmanent. Verwunderung der Gloxinien am Gartenzaun.

Wäre der Briefträger unter seiner Post erwacht, hätte er Glockenblu-men gebracht, hätte sie Marianne gegeben, die mit einer Tasse Tee und einem Sonnenstrahl in den Händen ganze Vormittage am Fenster ver-bringt.

Laubgeraschel unter der Türschwelle.
Die alte Mauer tönt.


Am Saumpfad.

Ewigkeitslinse, aus Marienglas, brach entzwei. Darauf kräuseln sich die Logarythmen bedeutungsvoll auf dem vergeßlichen Pflaster.

Wieder haben die Winzer die Schatten zu keltern vergessen und alle Fallschirmspringer breiten ihre Teppiche auf der grünen Wiese aus.
Winzerinnen schürzen ihre Lippen, die Ausflügler klatschen Beifall.

Komm herab, wilder Wasserfall, komm herab!

"Ruh' dich auf dem Moospolster aus, sonst wirst du der Arbeit nicht gewachsen sein", sagt Marianne zum Hauswart, der, bevor er nach un-ten steigt, den Ballast aus dem Fenster wirft und ruft: "Der Tenorschlüs-sel funktioniert nie!"
Pausenlos füllen Hilfskräfte die Daunenbetten mit Daunen.

Der Briefträger eilt ohne Eilbrief.
Der Bus fährt weiter, der Zug hält.
Er wischt die vielen falsch ausgefüllten Formulare vom Tisch, ent-deckt einen Fehler in den Berechnungen und versteckt ihn unter'm Strohhut des schlafenden Gärtners, ohne die Bienen zu stören.

Alle schlafen,
nur der Dichter wacht.

Achte auf das Brummen des Schnarrwerks und der genügsamen Honigbären!


Herbstblätter.

Was steht ihr staunend starr, Gloxinien?

Wir haben das Gedicht, das man uns gab, verändert.
Erinnert ihr euch?

Karls blaßgrüne Augen sehen durch rote Universen Mariannes blaue Glockenblumen zwischen den Liegestühlen hervorschimmern.

Orgelpunkt der Trauerweiden am Froschteich.

Die dreieckigen, transponierten Telegrafenmasten schweben sur-rend überm tiefen, dunklen Meer.
Immer ist es der Wind, der Handlungen, Blätter, Auflösungszeichen und Gedanken vor sich hertreibt. Er möchte abends das Traumgeschich-ten gurgelnde Bächlein belauschen, während der Gärtner im nahen Park das welke Laub zusammenkehrt und kehrt.

Ein frühes, aufwärts strebendes Schneegestöber verfängt sich in den weiten Gewändern von Marianne, die sich langsam vom Stuhl vor dem Fenster erhebt, die halbvolle Teetasse stehen läßt und plötzlich über die Türschwelle tritt, den Sonnenstrahl immer noch in der Hand.

Die Spezialisten sind ratlos.

Erdenzeit. Der blaue Berg steht einsam und vereint über dunkel-blauen Meereswogen.
Sternenblick strahlt.

Der große Engel, der die Zeit mißt, teilt und in die Uhren löffelt, tanzt über die feuchten Erlenwiesen und singt.

Versäumst du den Zug, kommst du früh genug.
Das kleine, wuschelige Kind spielt schon mit der hölzernen Eisen-bahn und spielt.


Sechseckige Moospolster.

Gelb schnäbelt im Röhricht, daß es Marianne freut.

Der Briefträger liest aus den Beförderungsvorschriften.
"Weihnachtskekse können wir befördern, Puddinge nicht", schärft er ihr ein und ein. Sie hört ihm zu, aber sagt: "Hast du auch alle Briefe versteckt, alle Fische belogen, alle Köche verärgert, so zögere nicht! Komm mit!"

Blondes Seeschilf spiegelt den Himmel zum Grund in die Tiefen.
Hohlwangige Hohlkugeln warten dort auf ihren Einsatz. Welle steigt empor, kräuselt sich, hüpft aufs grüne Moos und plätschert ins Gras.

Taubenetzt, barfüßig, streift Marianne den Wiesenhang und die Schatten am Nachmittag.

Während sich die feigen Jäger in der Bahnhofshalle versammeln, stürmen empörte Köche mit Kochlöffeln und Sieben voran.
Gloxinien halten den Atem an.
Der Briefträger läßt seine Brille in den Schokoladepudding fallen. Seither ist seine Sicht verändert.

Sonne leckt Bodennebel auf.

Die Zweige der Weiden können die mitteltönige Stimmung nicht halten und sinken in den See.
Polizisten hängen an der Wäscheleine und tropfen immer noch. Ent-täuscht gehen die Jäger nach Hause.

Die unerbittliche Amsel schleudert dieses Mal keine Rosenkränze.


Abendwind weht ums Haus.

Im letzten Augenblick schwimmen barfüßige Krokodile langsam und vorsichtig lächelnd die Milchstraße hinunter.
Mauern verlängern ihre Schatten.
Emsige Glockenblumen vermieten noch schnell alleinstehenden Hummeln Zimmer nach dem Angelusläuten. Ihr blaues Zelt verbirgt, woran uns Saturn erinnern wollte, und die mit tollkühnen Dromedaren gefüllten Flugmaschinen brausen bereits über die Startbahn.
Nur zwei betende Schatullen kommen zu spät.

Wenn es Glückwunschkarten regnet, tönt das Grammophon auf dem Ringelspielplatz.
Umsonst hat es sich bemüht, denn die störrische Amsel treibt es diesmal zu weit; da rauben vom Winde gebeutelte Landarbeiter den un-fähigen Dichtern ihre Schreibgeräte.

Unbeschädigt von stehenden Autobussen läuft Marianne mit offe-nem Haar quer übers Feld und ruft: "Genug ist immer viel!"

Das werdende Glück der Stiefmütter.

Hätte die verstopfte Regentraufe der Amsel kein Ständchen gesun-gen, wären die Blumenteppiche des Gärtners nie mehr aus der Reini-gung zurückgekehrt.

Der Briefträger bekommt für jedes geglückte Lesezeichen einen Kuß.

 

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