|
Welch ein Tag! Ein Flugzeug stürzt ab, alle retten sich mit Fallschirmen. Sie sind gekommen, haben ein kleines, wuscheliges Kind an der Hand genommen. Hätten die Glockenblumen nicht wie wild geläutet, hätte
er sie zu pflücken vergessen. Ob der Gärtner noch schläft, fliegendurchsummt, bienendurch-brummt? Wäre der Briefträger unter seiner Post erwacht, hätte er Glockenblu-men gebracht, hätte sie Marianne gegeben, die mit einer Tasse Tee und einem Sonnenstrahl in den Händen ganze Vormittage am Fenster ver-bringt. Laubgeraschel unter der Türschwelle.
Ewigkeitslinse, aus Marienglas, brach entzwei. Darauf kräuseln sich die Logarythmen bedeutungsvoll auf dem vergeßlichen Pflaster. Wieder haben die Winzer die Schatten zu keltern vergessen und alle Fallschirmspringer
breiten ihre Teppiche auf der grünen Wiese aus. Komm herab, wilder Wasserfall, komm herab! "Ruh' dich auf dem Moospolster aus, sonst wirst du der Arbeit nicht
gewachsen sein", sagt Marianne zum Hauswart, der, bevor er nach un-ten
steigt, den Ballast aus dem Fenster wirft und ruft: "Der Tenorschlüs-sel
funktioniert nie!" Der Briefträger eilt ohne Eilbrief. Alle schlafen, Achte auf das Brummen des Schnarrwerks und der genügsamen Honigbären!
Was steht ihr staunend starr, Gloxinien? Wir haben das Gedicht, das man uns gab, verändert. Karls blaßgrüne Augen sehen durch rote Universen Mariannes blaue Glockenblumen zwischen den Liegestühlen hervorschimmern. Orgelpunkt der Trauerweiden am Froschteich. Die dreieckigen, transponierten Telegrafenmasten schweben sur-rend überm
tiefen, dunklen Meer. Ein frühes, aufwärts strebendes Schneegestöber verfängt sich in den weiten Gewändern von Marianne, die sich langsam vom Stuhl vor dem Fenster erhebt, die halbvolle Teetasse stehen läßt und plötzlich über die Türschwelle tritt, den Sonnenstrahl immer noch in der Hand. Die Spezialisten sind ratlos. Erdenzeit. Der blaue Berg steht einsam und vereint über dunkel-blauen
Meereswogen. Der große Engel, der die Zeit mißt, teilt und in die Uhren löffelt, tanzt über die feuchten Erlenwiesen und singt. Versäumst du den Zug, kommst du früh genug.
Gelb schnäbelt im Röhricht, daß es Marianne freut. Der Briefträger liest aus den Beförderungsvorschriften. Blondes Seeschilf spiegelt den Himmel zum Grund in die Tiefen. Taubenetzt, barfüßig, streift Marianne den Wiesenhang und die Schatten am Nachmittag. Während sich die feigen Jäger in der Bahnhofshalle versammeln,
stürmen empörte Köche mit Kochlöffeln und Sieben voran. Sonne leckt Bodennebel auf. Die Zweige der Weiden können die mitteltönige Stimmung nicht
halten und sinken in den See. Die unerbittliche Amsel schleudert dieses Mal keine Rosenkränze.
Im letzten Augenblick schwimmen barfüßige Krokodile langsam
und vorsichtig lächelnd die Milchstraße hinunter. Wenn es Glückwunschkarten regnet, tönt das Grammophon auf dem
Ringelspielplatz. Unbeschädigt von stehenden Autobussen läuft Marianne mit offe-nem Haar quer übers Feld und ruft: "Genug ist immer viel!" Das werdende Glück der Stiefmütter. Hätte die verstopfte Regentraufe der Amsel kein Ständchen gesun-gen, wären die Blumenteppiche des Gärtners nie mehr aus der Reini-gung zurückgekehrt. Der Briefträger bekommt für jedes geglückte Lesezeichen einen Kuß.
Zurück zur Texteseite von Daniel Oberegger
|