Kleine nebensächliche Tragikomödie II

Akt

Blitzschnell und mit lautem Knistern wächst ein blühender Kirschbaum aus dem geschmolzenen Telephon am Boden.

KAFFEEMASCHINE: "Das Leben ist wie... das Leben ist wie... ich hab' nie gewußt, wie das Leben ist."

Sie verkriecht sich unterm Bett.

GEWISSENHAFTER REZENSENT: "Wir sind im Turm von Hölderlin, im 6. Stockwerk."

Der gewissenhafte Rezensent springt aus dem Fenster.

GEWISSENHAFTER REZENSENT (während er springt): "Aber ich habe einen Fallschirm."

Die Katze kommt zur Tür hereinspaziert.

KATZE: "Miau, mioo, miau, mioo!"
SONNE (während sie aufgeht, sich überallhin umblickend): "Der Pudel hat die Kerne versteckt. Wo sie wohl sein könnten?"

Akt

TELEPHON (im Dunkeln, als Pfütze am Boden langsam vom wachsenden Kirschbaum aufgesaugt werdend): "Kann man dem Raum verübeln, daß er, wo es Feuer gibt, es dem Rauch ermöglicht, aufzusteigen?"
FLAMME (hinterm Klavier hervorzüngelnd): "Es werde Licht. Alle aufwachen! Ich mache der Sonne Konkurrenz!"

Die Flamme erfaßt den Klavierdeckel und nach und nach das ganze Klavier, daß es zwischen den Saiten rumort.

HÖLDERLIN (liegt im Bett, erwacht, schaut unterm Federbett hervor, eine Zipfelmütze über die Ohren gezogen): "Entschuldigen Sie mich, Euer kaiserliche Gnaden, doch ich bin müde und möchte noch schlafen."

Er dreht sich auf die andere Seite.

FLAMME (unbeirrt am Klavier weiterbrennend): "Bitte sehr, Herr Hölderlin!"
HÖLDERLIN (zur Flamme): "Das Klavier läßt sie dick und aufgedunsen aussehen. Die gelbe Kerze stand Ihnen besser."

Der Kirschbaum läßt seine Blüten abfallen und die Kirschen werden reif.

HÖLDERLIN (der nicht mehr einschlafen kann): "Majestät, ich stehe jetzt auf, wenn Sie gestatten."

Er reißt sich die Zipfelmütze vom Kopf, zerzaust sich mit beiden Händen das wilde Haar noch mehr, schlüpft in einen griechischen, hellen und weiten Chiton und blättert in einem großen Stapel von Zetteln, die er unterm Bett hervorgezogen hat.

HÖLDERLIN (liest): "Wer nicht schwimmen kann, muß sterben, wenn er ertrinkt - blubb blubb blubb. (Er denkt eine Weile darüber nach) Aber wenn ich tot bin, so ist der Spruch ganz und gar belanglos."
KAFFEEMASCHINE (klopft an der Tür, kommt herein): "Es tut mir leid, wenn ich zu spät komme, doch ich stand im Stau... Es war nicht meine Schuld."

Hölderlin achtet nicht auf die Kaffeemaschine und wirft den Zettel, von dem er soeben gelesen hat, ins brennende Klavier.

KATZE: "Ich bin nervös. Ich bin nervös. Ich bin nervös. Ich brauche einen Kaffee. Nur wenn ich Kaffee trinke, beruhige ich mich."

Die Katze zieht ihren Taucheranzug aus und setzt sich an den Tisch.

KATZE (zur Kaffeemaschine): "Na, wird's bald?"
KAFFEEMASCHINE (mit klagender Stimme): "Entschuldigen Sie, aber ich kann heute wirklich keinen Kaffee machen, ich bin mit den Nerven am Ende."
KATZE (mit drohendem Unterton): "Herr Kaffeemaschinerich, ich bestehe darauf, daß Sie mir auf der Stelle einen Kaffee..."
KAFFEEMASCHINE: "Aber..."
KATZE (fährt die Krallen aus): "Ich dulde keinen Widerspruch! Das ertrage ich nicht! Immer diese faulen Ausreden, immer diese faulen, faulen Ausreden, es ist nicht zum Aushalten."
KAFFEEMASCHINE (kleinlaut): "Ich habe nämlich gar kein Kaffeepulver mehr, müssen Sie wissen..."
KATZE (kreischend und tobend): "Ich will nichts hören! Schon gar nichts vom Kaffeepulver! Sind Sie eine Kaffeemaschine oder nicht? Lassen Sie sich also etwas einfallen! Zeigen Sie mehr Einsatz!! Seien Sie nicht so unbeholfen!!! Tun Sie endlich etwas!!!! Schreiten Sie zur Tat, wird's bald?!?"
KAFFEEMASCHINE (eingeschüchtert): "Also gut..."
KATZE: "Na also."
KAFFEEMASCHINE: "Das Leben ist hart."

Die Kaffeemaschine klettert stöhnend auf den Kirschbaum und pflückt, laut mit dem Deckel klappernd, die Kirschen.

KATZE: "Wir sind alle Nervenkrank. Das ist tragisch, das ist tragisch, das ist tragisch. Sehr, sehr tragisch."
FLAMME (das Klavier lichterloh verbrennend): "Mir geht's prima!"

HÖLDERLIN: "Ich möchte eine Zygote seyn, eine Zygote! Eine Zygote!!! Dann könnte ich alles werden, zum Beispiel ein Komet..."

Er schwingt sich wieder auf den Lampenschirm überm Tisch.

Akt

KAFFEEMASCHINE: "Bald schon ist der Kaffee fertig. Heute gibt's Kirschkaffee."

In der Kaffeemaschine rumort es.

HÖLDERLIN (auf dem Lampenschirm, singt): "Die rührendste Bläue umgiebt der Schwalben Geschrey, das umschwebet den Kirchthurm mit dem Dache, metallen erblühend vor lieblicher Bläue."

Die Katze öffnet die Kaffeemaschine und zieht ein neues Telephon hervor. Erstaunt betrachtet sie das Telephon von allen Seiten.

Akt

TELEPHON: "Rrring, rrring..."
KATZE (drohend): "Klingle nicht, sonst steck' ich dich wieder in die Kaffeemaschine!"

Das Telephon verstummt augenblicklich.
Hölderlin läßt sich vom Lampenschirm krachend auf den Tisch fallen.

HÖLDERLIN: "Ihr wandelt droben im Lichte, selige Genien - doch ich, schicksallos bin ich von Klippe zu Klippe geworfen..."

Wieder verbeugt sich Hölderlin der Reihe nach vor allen Anwesenden, immer schneller im Kreise wirbelnd.

HÖLDERLIN (zur Kaffeemaschine): "Majestät - zu Befehl!"

Hölderlin verbeugt sich eilig vor der Kaffeemaschine.

HÖLDERLIN (zum Telephon): "Willkommen, Frau Gräfin, in meiner bescheidenen Hütte - darf ich um Ihre Hand anhalten? Ich hoffe, Sie woll'n mich nicht gleich mit Kinderkriegen inkommodieren, Frau Gräfin... klingeln Sie nicht, Frau Gräfin, denn ich werde nie, niemals, den Hörer abheben."

Hölderlin verbeugt sich rasend schnell vorm Telephon.

HÖLDERLIN (zum Kirschbaum): "Der Herr sehen heute ganz stattlich aus, Kompliment!"

Hölderlin verbeugt sich noch eiliger vorm Kirschbaum.

HÖLDERLIN (zum brennenden Klavier, dessen Saiten jetzt immer öfter, eine nach der anderen, mit lautem Knall und anschließendem Scheppern zerreißen): "Haben sich von der Literatur auf die Musik verlegt? Kompliment auch Ihnen, Herr Baron, eine kluge Wahl!"

Hölderlin verbeugt sich schnell vor dem Feuer.

HÖLDERLIN (zur Katze): "Bitte sehr, bitte gleich!"

Des Kirschbaums Blätter färben sich so schnell, wie er gewachsen ist, und fallen ab, das brennende Klavier ist in sich zusammengesunken, alle Saiten sind bereits gerissen, nun sieht es eher wie ein gemütliches Lagerfeuer aus. Hölderlin stellt das neue Telephon behutsam auf den Tisch, an die Stelle des alten Telephons, und dann verbeugt er sich langsam würdevoll davor, in dieser Stellung verharrend.

Akt

Hölderlin verharrt weiter in verbeugter Haltung. Inzwischen hat die Katze wieder ihren Taucheranzug angezogen und macht sich jetzt daran, die Kaffeemaschine zu zerlegen. Diese läßt es ruhig mit sich geschehen.

FLAMME: "Knister, knaster, knister, knaster..."
HÖLDERLIN (ohne sich aufzurichten): "Ich finde es ganz und gar geschmacklos, wie Sie beim Verzehren meines Klavieres schmatzen..."
FLAMME: "Entschuldigung, aber ich schmatze nicht, ich knistere."
HÖLDERLIN (warnend, aber immer noch in verbeugter Haltung vor dem Telephon): "Das ändert nichts an der Sache. Halten Sie sich an die Etikette, oder ich lösche Sie."
FLAMME (knistert besonders laut): "Knister, knaster, knister, knaster!!!"

HÖLDERLIN (hebt Kopf und Arme, ohne auch den Rücken aufzurichten und schreit das Telephon an): "Ja, warum klingeln Sie nicht endlich?!?"

Das Telephon bleibt stumm und die Katze verstreut die vielen Bestandteile der Kaffeemaschine im ganzen Raum.

KATZE: "Diese Kaffeemaschine besteht aus ziemlich vielen Bestandteilen."

Hölderlin geht hinter der Katze her und sammelt geduldig alle Teile wieder ein, sie auf den Tisch legend. Dort stellt er die Teile zusammen, doch er erhält keine Kaffeemaschine mehr, sondern ein Fernrohr. Er stellt sich damit ans Fenster und späht in die Ferne.

KIRSCHBAUM (singt währenddessen, seine kahlen Äste wiegend): "Kafka, Kafka, Kafka, Kafka, Kafka, -kaaa, -kaaa, -kaaa, Kaf-, Kaf-, Kaf-, Kafka, Kafka, Kafkaa, Kafkaaa, Kafkaaaaa, Kafka, Kafka, 'afka, 'fka, 'ka, 'aaa..."

Die Katze wählt eine Nummer nach der anderen am Telephon, nimmt den Hörer aber nicht ab.

KATZE: "Verbinde mich mit der Welt - die Linie ist unterbrochen. Verbinde mich mit der Welt - die Linie ist unterbrochen. Verbinde mich mit der Welt - die Linie ist unterbrochen."

Hölderlin tritt vom Fenster zurück, dreht sich um und gibt der Katze das Fernrohr.

HÖLDERLIN: "Bittesehr, eure Majestät..."
KATZE (nun selbst mit dem Fernrohr aus dem Fenster blickend): "Ich sehe gebündeltes Licht, doch die kleinen Gegenstände werden nur schwach vergrößert, hingegen die großen stark verkleinert."
FERNGLAS: "Ich will heute keine kleinen Gegenstände vergrößern."
KATZE: "Stell dich nicht so an, mach dich nicht so schwer."

Die Katze bricht unter der Last des Fernrohrs fast zusammen.
Das Feuer ist zu einem rot glühenden Haufen zusammengesunken und das Telephon nimmt sich selbst den Hörer ab und wählt eine lange Nummer.
Die Katze schleift das Fernglas zur roten Glut.

KATZE: "Ich schmiede dich zu einem Rasenmäher um."
FLAMME (züngelt aus der Glut hervor): "Ich verbrenne mich selbst! Zisch! Zasch!"
TELEPHON: "Hallo? Verbinden Sie mich bitte mit der Telephonzentrale..."

Die Katze schiebt das Fernrohr in die Glut.

FERNGLAS: "Klipp, klapp, klipp, klapp... am besten tue ich, als sei ich eine Kaffeemaschine. Das verwirrt alle und der Überraschungseffekt wird größer sein."

Hölderlin geht um den Kirschbaum herum, bei dem wieder grüne Blätter sprießen. Das Fernglas in der Glut klappert vor sich hin, das Telephon gibt das Freizeichen von sich.

HÖLDERLIN (in Gedanken versunken, immer um den Kirschbaum schreitend): "Der Komet kommt aus der Zygote. Alles kommt aus der Zygote. Besonders der Komet, Ko- met... ein seltsamer Name. Aus der drei - sil - bi - gen Zy - go - te entsteht der zwei - sil - bi - ge Ko - met. Die Silben nehmen ab und der Mond nimmt zu. Ja. So muß es sein!"
KATZE (anklagend, zu Hölderlin): "Es schmilzt nicht, es klappert bloß. Die Glut ist zu kalt."
FERNGLAS (klappert mit den Zähnen): "Wärme mich, wärme mich, die Glut ist eiskalt!"
KATZE (faßt neugierig mit der Pfote in die Glut): "Brrr - wirklich, eiskalt! Wenn das Feuer kalt wird, kommt der Sommer."

HÖLDERLIN (ist stehengeblieben): "Ein Sommer ohne Schwalben?"

Das Freizeichen vom Telephon verstummt.

TELEPHON: "Ja, hallo? - Was meinen Sie? Oh, Orphelia, du bist es wieder... (zu Hölderlin) Es ist jene andere Kirsche - die man entkernt hat, erinnern Sie sich? (ins Telephon) Was? Wen soll ich dir holen? - Nein, sie wurde erst von einer Katze gefressen und ist dann in einem Telephon ertrunken, doch jetzt scheint es ihr wieder gut zu gehen (das Telephon blickt zum Kirschbaum, der prächtig grünt) Wir scheinen in den Sommer übergegangen zu sein - nein, Schwalben haben wir noch keine gesehen... Mach's gut und Kopf hoch... ...ja, was soll man da machen? Tut mir echt leid um dich... ...ja... ...ja... ...nein, natürlich nicht... ...o du Ärmste... ...aber nein... ...auf Wiederhören, bis zum nächsten Mal - und viel Glück."

Hölderlin sieht wieder aus dem Fenster. Das Telephon legt sich selbst den Hörer auf die Gabel.

TELEPHON: "Orphelia wurde in Likör getaucht und arbeitet jetzt als Füllung in einer Schokoladepraline..."
KATZE: "Ich bin nervös."
HÖLDERLIN (zur Katze, ohne sich vom Fenster wegzudrehen): "Eure Majestät wünschen Kaffee?"
TELEPHON (beginnt zu klingeln): "Rrring, rrring, rrring..."
KATZE: "Ich hebe sicher nicht ab - und mit einem Fernglas kann man keinen Kaffee machen."
FERNGLAS (stolz und mit Nachdruck): "Ich kann alles machen."

Hölderlin dreht sich zum Fernglas um, das in der Asche liegt, die Glut ist erloschen.

HÖLDERLIN: "Alles? Dann bis du eine Zygote?"
FERNGLAS: "Natürlich!"
KATZE: "Nun - mach also den Kaffee..."
HÖLDERLIN: "Halt! Mache besser einen Kometen!"
FERNGLAS: "Gut, ein Komet..."

Das Fernglas wirbelt in der Asche herum und plötzlich steigen Drähte aus der Asche empor, fügen sich zusammen und formen ein Gebilde, das immer mehr einem Fahrrad ähnelt.

KATZE: "Das sieht gar nicht wie ein Komet aus..."
FERNGLAS: "Ich habe mich geirrt - es ist ein Fahrrad geworden. Mehr kann ich auch nicht machen."
HÖLDERLIN (enttäuscht): "Kein Komet?"
FERNGLAS (kleinlaut): "Ich bin heute nicht sonderlich in Form."
KATZE (zu Hölderlin): "Siehst du, es hätte doch bessere einen Kaffee gemacht. Das ist weniger anspruchsvoll."

Hölderlin besteigt das Fahrrad.
Das Telephon klingelt wieder.

TELEPHON: "Rrrinng, rrrinng, rrrinng..."
HÖLDERLIN (fährt mit dem Fahrrad im Turmzimmer umher, nimmt während des Fahrens das Telephon mit, hebt den Hörer ab): "Hallo? Ja? Solfeggiounterricht? Da sind sie bei mir goldrichtig... ...nein, bleiben Sie am Apparat, Eure Majestät, ich erledige das ambulant und sofort (singt) Do re mi fa sol fa mi re dooooo! Re mi fa sol la sol fa mi reeeee! Mi fa sol la si la sol fa miiiii! Fa sol la si do si la sol faaaaa! Sol la si do re do si la soooool! La si do re mi re do si laaaaa! (spricht wieder normal) das wär's für diesmal. Nächste Woche lernen wir das (er singt) Si do re mi fa mi re do siiiii! (spricht weiter) doch erst müssen Eure königliche Majestät die heutige Lektion beherrschen."
FAHRRAD: "Rrrumm, rrrumm, rrrummm!"
KATZE: "Famos! Ein radfahrender Solfeggiolehrer (plötzlich erschrocken) Herr Hölderlin! Das Telephon hat geklingelt und Sie haben abgenommen! Herr Hölderlin! Das Telephon hat geklingelt und Sie haben abgenommen! Herr Hölderlin! Das Telephon hat geklingelt und Sie haben abgenommen! Was nun?"
HÖLDERLIN: "Hilfe, Hilfe!!!"

Er bremst ab und steigt vom Fahrrad. Das Fernglas rappelt sich aus der Asche hoch.

FERNGLAS: "Ich behebe den Schaden. Zisch! Zusch! Zisch! Zusch!"

Es tippt aufs Fahrrad und dieses verwandelt sich ins Klavier.

HÖLDERLIN: "Rrring, rrring, rrring..."
TELEPHON: "Es klingelt, das hör' ich wohl, doch abheben thät' ich nie - nimmermehr nähm' ich ab den Hörer, nimmermehr! Nie! Nie!"
HÖLDERLIN: "Rrring, rrring, rrring..."

Die Katze legt ihren Taucheranzug beiseite, setzt sich ans Klavier und spielt Etüden von Chopin und Sonaten von Skrjabin. Hölderlin legt sich, das Telephon eng umschlungen, ins Bett. Das Fernglas schaut aus dem Fenster und kümmert sich nicht um das, was im Turmkammer vor sich geht. Die eine Hälfte der Sonne geht auf, die andere unter.

Vorhang fällt.

 

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