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Das Rätsel von der roten und der blauen Kiste

Claudia: "Als ich den Conte zum dritten Mal dabei beobachtete, wie
er lustlos die Katzen von Venedig fütterte, da hat er mich so unbeholfen
und schüchtern angelächelt, daß ich mich gezwungen sah,
mit ihm zu sprechen. Jeden Pizzaiolo mit so einem Lächeln hätte
ich sofort geheiratet, allein schon, um meinen reichen Onkel zu ärgern
und um meine noch reichere Tante zu schockieren. Diesem noblen Herrn aber
wollte ich es nicht so leicht machen. So gab ich ihm das Rätsel auf,
das mir einst jener alte Trunkenbold stellte. Er war auf mich zugewankt
und hatte mir sein seltsames Rätsel gesagt, ohne eine Antwort abzuwarten
und war gleich weitergewankt. Das war so sonderbar, daß ich es nicht
mehr vergessen habe. Ich selbst habe natürlich nie über das
Rätsel nachgedacht, aber neugierig auf die Lösung wäre
ich schon. Vielleicht wird dieses Rätsel immer weitergegeben, Generation
um Generation, und niemand zerbricht sich selbst den Kopf, um eine Lösung
zu finden.
Dem Conte habe ich das Rätsel nun gestellt. Er ist sicher so reich
und gelangweilt wie ich. Nun soll er denken, hat er doch nichts Besseres
zu tun, als Katzen zu füttern. Löst er das Rätsel, so erfahre
ich die Antwort. Andernfalls soll mich der Conte nicht mehr wiedersehen,
wie ich jenen alten Trunkenbold auch nie mehr gesehen habe."
Manfred: "Ich befinde mich auf dem Schiff von Venedig nach Amsterdam.
Diese Kreuzfahrt ist besonders billig, und der bescheidene Preis hat mich
schließlich zu dieser Reise bewogen. Ich will hier in Ruhe eine
wichtige Entscheidung treffen, aber bis jetzt habe ich mich nur gelangweilt.
Die langsamen Wellen machen mich schläfrig, die Durchfahrt zwischen
Reggio und Messina habe ich verschlafen. Die Inspiration zu neuen Ideen
wollte auch zwischen Sardinien und Korsika nicht kommen.
Die Leute hier sind nicht gerade anregend. Sie reden nur über weltfremde
Themen, die mich nicht interessieren. Die ältere englische Dame am
Tisch hinter mir scheint sich nur für astronomische Fragen zu interessieren.
Dauernd redet sie von Weltraumflügen, Außerirdischen, UFOs,
von unserem Sonnensystem und von der Lichtgeschwindigkeit. Muß ich
von Venedig nach Amsterdam fahren, um etwas von der etwaigen, weit in
der Zukunft liegenden Besiedelung fremder Planeten zu hören? Übrigens
kann ich die englische Sprache nicht mehr hören. Alles ist heutzutage
englisch und international.
Was für eine schreckliche Aussprache dieser Italiener hat, wenn er
deutsch auf die englischen Fragen der Dame antwortet! Er ist sicher so
ein neureicher Yuppie, der nur in der gehobenen Gesellschaft verkehrt
und der sich ungeheuer wichtig nimmt."
Conte Isidoro: "Meiner Ansicht nach ist Uranus der erstaunlichste
aller Planeten unseres Sonnensystems, der, von der Sonne her gezählt,
siebte Planet. Uranus liegt ungefähr in einem 90-Grad-Winkel zur
Sonne, so daß einer seiner Pole während der Rotation ununterbrochen
praktisch direkt auf die Sonne gerichtet ist. Um so mehr erstaunt es,
daß die Temperatur an beiden Polen fast gleich hoch ist."
Die englische, alte Dame: "Uranus is a nonterrestrial planet whose
surface is a superheated ocean of water."
Conte Isidoro: "Das jedoch erklärt diese theoretisch viel zu
geringen Temperaturunterschiede nicht in befriedigender Weise."
Die englische Dame: "The dense atmosphere of mostly hydrogen and
helium provides the pressure that both heats the water to thousands of
degrees and prevents it from boiling away. The high temperatures in return
prevent the pressure from solidifying the water."
Conte Isidoro: "Sie kennen sich erstaunlich gut aus, mein Kompliment!"
Die englische Dame: "15 moons are surrounding Uranus. Until Voyager
2 began sending information back to Earth about Uranus in January 1986,
only five moons were known-Oberon, Titania, Umbrial, Ariel, and Miranda."
Conte Isidoro: "Wie der Saturn, so ist auch der Uranus von Ringen
umgeben. Astronomen entdeckten sie im Jahre 1977, als sie eine Eklipse
eines Sterns durch einen Planeten beobachteten. Sie bemerkten, daß
das Licht des Sterns während 35 Minuten flackerte, bevor die Okkultation
durch Uranus eintrat. Dann, nachdem Uranus vor dem Stern durchgewandert
war, setzte das Flackern des Lichtes wieder ein, um dann wieder vollständig
sichtbar zu werden. Es muß für die Astronauten der Zukunft
ein faszinierendes Abenteuer sein, den Uranus zu erforschen."
Manfred: "Die Raumfahrt ist zu teuer. Selbst zum Mars zu fliegen
rentiert sich nicht. Die Kosten werden immer höher, so endet die
Raumfahrt mit den paar mühsamen und unsinnigen Ausflügen zum
Mond, mit der sie begonnen hat."
Conte Isidoro: "Wer an der Zukunft und am Fortschritt zweifelt, der
ist ein Pessimist, der auch den Glauben an den Menschen selbst verloren
hat."
Manfred: "Das Konzept des Fortschritts bereitet uns nur auf die Schrecken
der Zukunft vor."
Conte Isidoro: "Eines Tages werden wir alle die Fesseln der Erde
sprengen und den Rest des Universums bevölkern."
Manfred: "Aus dem Universum aber kann man nicht hinaus."
Manfred: "Es ist schon so: Als Rechtsanwalt in einer Anwaltskanzlei
kann man sich keine Fehler in den Umgangsformen leisten. Zumindest nach
außen hin muß der Anschein des gut gekleideten und kühl
rationalen Materialisten gewahrt bleiben, sonst verliert man sofort an
Glaubwürdigkeit bei den Kollegen und bei den Klienten.
Was hier zählt, ist das Leben, das man nach außen hin führt.
Wer aber nach außen lebt, der tendiert zur Oberflächlichkeit
und er vernachlässigt dadurch sein Leben nach innen hin."
Conte Isidoro: "Glauben Sie, daß man das in dieser überspitzten
Form sagen kann? Schließlich ist das, was Sie als "Äußerlichkeit"
abtun, ein Zeichen für kultivierte Menschen in einer hoch entwickelten
Zivilisation. Leute, die aus sich hinaus gehen, leben in einem rauschartigen,
unkontrollierten Zustand.
Wer in der Zivilisation lebt, ihre Regeln aber nicht anerkennt, der ist
außerhalb der Welt, ein Traumtänzer."
Manfred: "Von außen gesehen mögen Sie recht haben."
Conte Isidoro: "Wer die Dinge von außen betrachtet, der hat
einen objektiveren Standpunkt. Der objektive Standpunkt sagt immer mehr
über die wahre Natur der Dinge aus."
Manfred: "Die Dinge sind nicht immer das, wofür man sie hält.
Ich habe auch immer geglaubt, meine Arbeit, meine Familie und das alles
wirklich zu mögen, ich glaubte für lange Zeit, mich in Beruf
und Familie, mit Verantwortung und Kapital zu verwirklichen. Jetzt bin
ich mir da nicht mehr so sicher. Bis jetzt habe ich es noch gar niemandem
gesagt, aber gedacht habe ich es mir schon oft: Ich möchte einfach
plötzlich verschwinden; vielleicht sage ich: "Ich gehe nur kurz
die Zeitung kaufen", dann nehme ich ein Taxi zum Flughafen, kauf
mir ein Flugbillet und fliege in ein exotisches, fremdes Land, um dort
ganz ein neues Leben zu führen, frei von Zivilisationsstreß
und von Gesellschaftssystemen."
Conte Isidoro: "In unzivilisierten Ländern hat man kein fließendes
Wasser in den Häusern, oft nicht einmal Strom... kein Licht, kein
Elektroherd, keine Heizung, kein Fernsehen... wie ungemütlich!"
Manfred: "Diese sogenannten Ungemütlichkeiten sind lange nicht
so unbequem, wie sie erscheinen, und viele Bequemlichkeiten des modernen
Lebens in der Großstadt sind lange nicht so vorteilhaft, wie sie
erscheinen."
Conte Isidoro: "Warum dürfen die Dinge nicht auch einmal so
sein, wie sie uns erscheinen?"
Manfred: "Ich würde auch kein Geld mitnehmen, kein Gepäck.
Meine Frau würde mich mit der Polizei suchen lassen, aber niemand
würde mich finden. Schließlich würden sich alle damit
abfinden müssen, daß ich verschollen bin."
Conte Isidoro: "Ich hingegen möchte endlich Karriere machen.
Wo Sie versuchen, hinauszukommen, da möchte ich gewissermaßen
hineinkommen. Aber zurück zu ihrer Flucht in die Wildnis: Sie beschrieben
zuerst, wie Sie erwogen hatten, erst ein Taxi, dann das Flugzeug zu nehmen.
Wie kommt es, daß ich die Ehre habe, Sie hier auf einer Kreuzfahrt
nach Amsterdam zu treffen?"
Manfred: "Das hat mit einer "Flucht in die Wildnis" natürlich
nichts zu tun, aber fast hätte ich meinen Plan ausgeführt, schon
oft war ich nahe daran, aus der Zivilisation zu flüchten und das
Weite zu suchen."
Conte Isidoro: "In Wirklichkeit wußten Sie natürlich,
daß Sie ihren Status in der zivilen, modernen Gesellschaft doch
nicht so leichtfertig aufgeben könnten. Die fremden und ungewissen
Strapazen in der Fremde hielten Sie logischerweise zurück."
Manfred: "Ersteres trifft eher zu, als das Zweite. Die ungewissen
Strapazen bereiten mir keine Schwierigkeiten, sind sie doch Teil des ersehnten
Lebens, das ich mir in der Fremde erhoffe. Was mich hindert, hinauszukommen,
ist die Gewohnheit. Die Gewohnheit ist es, die mich zwingt, die Zeitung
tatsächlich zu kaufen, nachdem ich gesagt habe: "Ich gehe nur
kurz die Zeitung kaufen".
Oft scheint mir, daß ich keine Schwierigkeit hätte, das Taxi
zum Flughafen zu nehmen, wenn ich erst einmal die Zeitung nicht kaufen
würde, nachdem ich gesagt hätte, daß ich sie kaufen würde.
Dann das erste Flugzeug zu nehmen, das in ein unzivilisiertes, weit entferntes
Land fliegt, wäre überhaupt nicht mehr der Rede wert. Am Flughafen
hätte ich keine Skrupel mehr, den ersten Flug zu nehmen, ins erstbeste
"unzivilisierte" Land, in welches eben zufällig der erstbeste
Flug gehen soll."
Conte Isidoro: "Soso."
Manfred: "Diese Reise hingegen mache ich, weil sie so billig ist.
Andere Kreuzfahrten kosten ja heutzutage ein Vermögen..."
Conte Isidoro: "... wie auch die Flugzeugreisen."
Manfred: "Ja, schon. Aber wenn ich tatsächlich einmal in ein
fremdes Land fliege, dann spielt Geld sowieso keine Rolle mehr."
Conte Isidoro: "Sie meinen, Geld spiele für Sie erst dann keine
Rolle mehr, wenn Sie, sagen wir, nach Äthiopien fliegen? Vorher aber
müßten Sie auf jeden Groschen aufpassen?"
Manfred: "Sie haben schon recht. Meine Gedanken, meine Seele, sogar
mein Verstand weiß, daß Geld keine Rolle spielt, sonst wäre
ja der Wunsch, aus dem System auszubrechen, nicht so groß. Es ist
wiederum nur die Gewohnheit, die mich bei dieser Reise aufs Geld achten
ließ. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie determinierend
Gewohnheiten wirken können, wenn sie erst einmal gut verankert sind,
eben echte, solide Gewohnheiten."
Conte Isidoro: "Und Sie machen diese Fahrt nur, weil Sie sie, wie
Sie sagen, aus Gewohnheit, billig finden?"
Manfred: "Natürlich wollte ich auch eine Reise machen. Ich wollte
mich von der Arbeit erholen, Ferien machen, aber auch Distanz gewinnen.
Ich will mich auf dieser Reise unter anderem entscheiden, ob ich den Schritt
ins wilde Leben endlich wagen soll, oder ob ich ihn für immer aus
meinem Leben streiche."
Conte Isidoro: "Soso."
Manfred: "Und wieso haben Sie diese Schiffsreise gemacht?"
Conte Isidoro: "In der Tat war auch bei mir der niedrige Preis dieser
Kreuzfahrt nicht der einzige Grund. Auch ich wollte nachdenken und Ferien
machen. In Venedig arbeite ich als Pizzaiolo. Ich kaufe mir die nobelsten
Kleider und gehe auf die exklusivsten Abende, aber niemand beachtet mich.
Ich gebe ein Vermögen für teures Katzenfutter aus, um den Eindruck
vom reichen Conte aufrecht zu erhalten, der Arbeit nicht nötig hat.
Bis jetzt ist mir der Einstieg in die gehobene Gesellschaft trotz allem
nicht geglückt. Sehen Sie, meine Armbanduhr: Es ist eine echte Rolex,
sie hat mich ein Vermögen gekostet, die Raten sind noch lange nicht
abgezahlt. Obwohl ich sie nur gekauft habe, um Eindruck zu schinden, wurde
ich nie beachtet.
Wie Sie sehen: Der äußere Anschein, um den ich mich so bemühe,
genügt überhaupt nicht. Man müßte gewissermaßen
schon sehr reich sein, um reich werden zu können, aber dann will
man es nicht mehr werden, weil man es schon ist. Der Einstieg in die Gesellschaft
der Reichen erweist sich immer viel schwieriger, als man gedacht hat.
Am besten wäre, ich würde Claudia heiraten. Sie hat ein schönes
Gesicht und spricht so sonderbar und nobel. Außerdem hat sie einen
reichen Onkel und eine unglaublich reiche Tante. Sie hat mich angelächelt,
und statt mit mir das Übliche zu reden, hat sie mir ein Rätsel
gestellt und ist dann gleich fortgegangen. Es ist ein durchaus sonderbares
Rätsel, das keine Lösung zu haben scheint. Finde ich aber keine
Lösung, so wird Claudia wohl kaum noch einmal mit mir sprechen. Sie
ahnt sicher schon, daß ich nicht so reich bin, wie ich mich gebe,
und daß ich ein einfacher Pizzaiolo bin, der die Raten seiner Rolex
mühsam abzahlen muß."
Manfred: "Wie ist denn dieses Rätsel?"
Conte Isidoro: "Claudia sagte zu mir: "Stellen Sie sich zwei
Kisten vor, eine rote und eine blaue. Beide Kisten sind verschlossen.
In der roten Kiste befindet sich der Schlüssel für die blaue
Kiste. In der blauen Kiste befindet sich der Schlüssel für die
rote Kiste. Um eine der beiden Kisten zu öffnen bräuchte man
den Schlüssel in der anderen Kiste und umgekehrt. Die Kisten zu öffnen
scheint unmöglich, doch wenn Sie das Problem genauer betrachten,
indem Sie sozusagen ins Problem hineingelangen, dann kommen Sie aus ihm
heraus. Beachten Sie, daß die Kisten nicht zerstört werden
sollen."
Bevor ich noch etwas sagen konnte, war Claudia schon weggegangen."
Manfred: "Es handelt sich sicher um irgend eine Scherzfrage, aber
ich werde darüber nachdenken, um mir die Langeweile hier zu vertreiben."
Conte Isidoro: "Denken Sie nur, so lange Sie wollen. Diese Kisten
sind nicht zu öffnen, die Lösung gibt es nicht, und für
eine Scherzfrage war Claudia zu konzentriert und zu ernst, als sie mir
das Rätsel stellte. Ich genieße den Anblick der Balearen. Dort
machen nur reiche Leute Urlaub."
Manfred: "Ist es keine Scherzfrage, so gibt es sicher eine Lösung.
Rätsel ohne Lösungen werden nicht gestellt, das wäre unhöflich."
Manfred: "Die Straße von Gibraltar ist so eng, daß man
auf beiden Seiten gut das Land sehen kann. Links ist Afrika, rechts Europa.
Zwei Kontinente treffen hier aufeinander. Ein erhebender Augenblick. Mein
lieber Herr Conte, angesichts dieses Höhepunkts unserer Schiffsreise
will ich Ihnen die Lösung zum Rätsel sagen, das Sie mir bei
Mallorca stellten: Die rote Kiste ist größer als die blaue
Kiste. Wer die Kisten öffnen will, befindet sich samt der blauen
Kiste in der roten, verschlossenen Kiste, wo sich per Definition auch
der Schlüssel zur blauen Kiste befindet. So kann er die blaue Kiste
öffnen. Er nimmt den roten Schlüssel heraus und sperrt die rote
Kiste von innen auf, um sich aus der roten Kiste zu befreien."
Conte Isidoro: "Unglaublich! Sie haben eine Lösung gefunden,
Sie sind ein Genie!"
Manfred: "Vielleicht fallen uns noch weitere Lösungen ein. Mir
scheint, daß dieses Rätsel etwas anderes ist, als was es auf
den ersten Blick zu sein scheint. Finden Sie nicht auch?"
Conte Isidoro: "Wenn die rote Kiste das Universum ist, und die blaue
Kiste ist unsere Welt, so müssen wir in den Weltraum fliegen, um
den Schlüssel zum Verständnis unserer Erde zu bekommen.
Verstehen wir die Erde besser, so eröffnet uns das wiederum den Weltraum."
Manfred: "Wer sich in einer problematischen Situation befindet, muß
aus ihr heraustreten. Im größeren Kontext findet er den Schlüssel
zum Problem, in welchem das Verständnis zum größeren Kontext
wiederum enthalten ist."
Conte Isidoro: "Vielleicht sollte ich zu den Wilden gehen. Nach einigen
Jahren komme ich zurück, schreibe ein paar Bestseller, die von meinen
Abenteuern handeln, und schon bin ich reich und berühmt."
Manfred: "Gehen Sie zuerst lieber mit unserer Lösung zu Claudia.
Vielleicht haben Sie Erfolg."
Manfred: "Im Golf von Biskaya ist mir noch eine Lösung eingefallen:
Die rote Kiste hat hauchdünne Wände und die Form des Schlüssels
für die blaue Kiste, der in ihr eingeschlossen ist. So kann man mit
der roten Kiste selbst die blaue Kiste aufsperren. Dort ist der Schlüssel
für die rote Kiste. Öffnet man sie, so befindet sich darin der
eigentliche Schlüssel für die bereits offene blaue Kiste.
Conte Isidoro: "Bei idealen Kisten paßt der Schlüssel
so genau, daß kein Zwischenraum für auch noch so dünne
Kistenwände zwischen Schlüssel und Schloß bleiben, fürchte
ich."
Manfred: "Ideale Kisten können infinitesimal dünn sein."
Conte Isidoro: "Dann gratuliere ich Ihnen zu Ihrer originellen zweiten
Lösung. Ich selbst habe eine andere Lösung gefunden. Ihre erste
Lösung ist ein Spezialfall meiner allgemeinen Lösung."
Manfred: "Sehen Sie? Lösungen finden sich immer, wenn man aus
dem System hinausgeht. Wie lautet also diese allgemeine Version meiner
ersten Lösung?"
Conte Isidoro: "Wie jeder weiß, ist der Raum im Universum,
zumindest einigen noch nicht ganz bewiesenen kosmologischen Theorien nach,
derart gebogen, daß er nach allen Richtungen hin geschlossen ist.
Wer immer geradeaus in eine bestimmte Richtung fliegt, der kommt nach
unvorstellbar langer Reise wieder an seinen Ausgangspunkt zurück.
Wenn die rote Kiste unvorstellbar groß ist, sagen wir etwa, daß
sie nur um ein Kubikdezimeter kleiner ist, als unser gesamtes Universum,
so sind ihre Außenwände wieder so nahe beisammen, daß
wir die in Wirklichkeit unvorstellbar große Kiste leicht vor uns
auf den Tisch stellen können. Die Kiste ist sozusagen "nach
außen gestülpt". Der Tisch, wir, die Milchstraße,
alle bekannten und unbekannten Galaxien sind in der Kiste enthalten, außer
der kubikdezimeter große Raum, der sich scheinbar in der roten Kiste
befindet, der aber in Wirklichkeit das Einzige ist, was sich außerhalb
der roten Kiste befindet. Der Schlüssel zur blauen Kiste könnte
unter diesen Umständen gleich daneben auf dem Tisch liegen. Wenn
nur die rote Kiste so unwahrscheinlich groß ist, dann haben wir
es mit einem besonders übertriebenen Fall Ihrer ersten Lösung
zu tun, da wir uns samt der blauen Kiste in der roten Kiste befinden.
Was geschieht aber, wenn auch die blaue Kiste so unvorstellbar groß
ist, wie die rote? Einige unbedarfte Beobachter könnten die beiden
Kisten auf unserem Tisch für recht klein halten. Was sie nicht wissen,
ist, daß diese Kisten alles enthalten, was scheinbar "außerhalb"
dieser Kisten ist, und daß sie in Wirklichkeit nur das, was sie
einzuschließen scheinen, ausschließen. Scheinbar liegen die
beiden Schlüssel neben den beiden Kisten, in Wirklichkeit enthalten
sich die Kisten gegenseitig. Stimmt die Theorie vom geschlossenen Universum,
so ist es keine Kunst, die beiden Kisten aufzusperren."
Manfred: "Das ist sehr interessant. Ob Claudia diese Lösung
akzeptieren wird?"
Conte Isidoro: "Wennschon. Wir finden sicher noch andere Lösungen,
bevor wir in Amsterdam ankommen."
Manfred: "Das glaube ich auch."
Manfred: "Ich würde sagen, daß die existentiell- synthetisierende,
materialistische und nach außen gerichtete Einstellung des Menschen
ein Versuch ist, aus dem subjektiven, lebendigen Raum- Zeitkontinuum der
Lebenswelt eine dreidimensionale, objektive Welt zu abstrahieren, mit
meßbaren Werten und mit einer gleichfalls meßbaren, weil eingeteilten
Zeit, um dann zum Subjekt in dieser objektiven Welt zu werden."
Conte Isidoro: "Ich hingegen würde sagen, daß die organisierende,
ordnende und durchdenkende Verhaltensweise des Menschen ein Versuch ist,
aus dem subjektiven, chaotischen, animalischen und triebhaften Leben ein
kultiviertes, geordneteres und objektiveres Dasein zu ermöglichen,
was ihm erlaubt, immer neuere und bessere Welten zu erschaffen, in denen
er immer mehr Freiheitsgrade bekommt und in denen er sich immer mehr von
den Tieren unterscheidet, während er den Göttern immer näher
kommt."
Conte Isidoro: "Der Kapitän hat mir gesagt, daß wir uns
jetzt auf dem achtundvierzigsten Breitengrad befinden.
Die beiden Kisten sind nicht nur gleich groß, sondern bis auf die
Farbe völlig identisch. In einer der beiden Kisten sitzen wir. Da
die Kisten identisch sind, sind es auch die Schlüssel. So paßt
der Schlüssel, den wir im Inneren der Kiste finden, in der wir eingeschlossen
sind. Mit ihm können wir beide Kisten, eine von innen, die andere
von außen, aufsperren."
Manfred: "Die Kisten sind aus einem wenig stabilen Material, zum
Beispiel aus Schokolade, aus Apfelsaft oder aus Gas. Es stimmt zwar, daß
man die Kisten nicht zerstören darf, aber Schokolade zu essen oder
Apfelsaft zu trinken ist keine Zerstörung im eigentlichen Sinne.
Schokolade ist zum Essen da, Apfelsaft zum Trinken. Wenn die Kisten aus
Apfelsaft von alleine zerfließen, die Kisten aus Gas sich von alleine
verflüchtigen, so haben wir sie nicht zerstört."
Conte Isidoro: "Die Kisten sind zwar immer noch rot und blau, aber
durchsichtig. Wir können den Schlüssel sehen und ihn außerhalb
der Kiste getreulichst nachbauen."
Manfred: "Die Schlüssel sind intelligente Wesen. Wenn man ihnen
von außen gut zuredet, so öffnen sie die Kisten innen von alleine."
Conte Isidoro: "Der Schlüssel in der blauen Kiste ist aber für
die rote Kiste gemacht..."
Manfred: "Intelligente Schlüssel öffnen alle Schlösser.
Sie werden auch mit diesem Problem fertig werden."
Conte Isidoro: "Welche Lösung wohl Claudia im Sinn hatte?"
Manfred: "Vielleicht dachte sie, das Rätsel sei unlösbar."
Manfred: "Ohne hinaus zu gehen, kommt man nicht hinein."
Conte Isidoro: "Ohne hinein zu gehen, kommt man nicht hinaus."
Manfred: "Es ist wie mit den beiden Kisten: Das Problem haben wir
gelöst, indem wir uns hineinversetzt haben."
Conte Isidoro: "Wir haben uns hineinversetzt, indem wir es von außen
betrachtet haben."
Manfred: "Wenn wir sterben, kommen wir aus dem System hinaus."
Conte Isidoro: "Wir sind selber die Wilden, die Fremden und Exotischen
in dieser Welt."
Manfred: "Es ist völlig unwichtig, ob ich aus dem System aussteige
oder nicht, da ich einerseits das System früher oder später
sowieso verlassen werde, und da ich mich andererseits nie wirklich im
System befinde."
Conte Isidoro: "Wer innerhalb ist, will hinaus. Wer außerhalb
ist, will hinein. Ich werde Claudia die Lösungen ihres Rätsels
sagen, aber ich werde ihr auch sagen, daß ich ein Pizzaiolo bin.
Früher oder später würde sie es ja sowieso bemerken."
Manfred: "In Amsterdam nehme ich ein Taxi, fahre zum Flughafen und
fliege ins erstbeste unzivilisierte Land. Gerade die Sinnlosigkeit solch
einer Flucht aus dem System überzeugt mich."
Claudia: "Der Onkel ist in der Nervenklinik, die Tante bekam einen
Herzinfarkt. Ich erbe alles. Conte Isidoro, den Pizzaiolo, zu heiraten
war das beste Geschäft meines Lebens. Seit er die Katzen nicht mehr
füttert, mag ich ihn sehr. Sein unbeholfenes Lächeln hat er
beibehalten, die Rolex hat er in den Kanal geworfen.
Einen Tag bevor Conte Isidoro mit dem Zug aus Amsterdam wieder in Venedig
ankam, habe ich kurz den alten Trunkenbold gesehen. Ich wollte ihn nach
seinem Rätsel fragen, aber er verschwand sofort wieder in einer undurchdringlichen
Menge von entfesselten, andauernd und ziellos fotografierenden Touristen.
Als am nächsten Tag der Conte eintraf, wußte ich bereits, daß
ich ihn trotz seines vermeintlichen, langweiligen Reichtums unvermeidlich
heiraten würde. Die Lösungen zum Rätsel mit den Kisten
haben mich wenig interessiert, aber als er mir sagte, er sei ein Pizzaiolo,
war ich vollends begeistert."
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