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Unheimliches Kartenspiel
Die neue Sekretärin stellt sich beim Uhrenfabrikanten, Herrn Julius
Krügli, vor.
"Grüß Gott", sagt die Sekretärin.
"Grüezi", sagt Herr Krügli, "Sie können
gleich anfangen, kommen Sie mit."
Die Sekretärin folgt Herrn Krügli durchs ganze Kaufhaus, vorbei
an Taschenrechnern, Fernsehern, Damenbekleidung und Herrenbekleidung und
weiter zu den Haushaltsartikeln, dann durch eine unscheinbare Stahltür
ins Magazin und an etlichen Kisten vorbei. Dann besteigen sie eine Art
Aufzug und Herr Krügli sagt: "Das Geschäft schließt
pünktlich um 19 Uhr. Wenn Sie zu spät zurückommen, so können
Sie nicht mehr durch das Kaufhaus hinaus, sondern Sie müssen in diesem
Fall die Straße entlang, und das ist ein Umweg von etlichen Kilometern,
nämlich bis zur Abzweigung, wo Sie dann hintenherum wieder auf die
Hauptstraße kommen und wieder einige Kilometer zurückgehen
müssen. Vertrödeln Sie also keine Zeit und seien Sie pünktlich!"
Der Aufzug bewegt sich erst horizontal in den Berg hinein, dann geht es
vertikal nach oben. Er hält nach einer ziemlich langen Fahrt, die
Tür öffnet sich und die Sekretärin folgt Herrn Krügli
ins Freie. Vor ihnen ist ein kopfsteingepflasterter, steiler Dorfweg,
auf der anderen Seite des Weges ein bäuerlich anmutendes Haus, großteils
aus Holz.
Die Tür ist nicht verschlossen. Herr Julius Krügli steigt eine
knarrende, hölzerne Treppe empor. Sein Büro gleicht einer Bauernstube,
nur der glänzende, nierenförmige Schreibtisch aus Aluminium
paßt nicht ins Ambiente.
Die Sekretärin schaut zum Fenster hinaus und sieht, wie zwei schwarz
gekleidete Männer mit Hut ein großes Xylophon übers steile
Kornfeld hinaufschleppen. Um sie herum hüpft eine bunte Kinderschar.
"Papa, Papa!", rufen sie laut.
"Ordnen Sie diese Akten, so lernen Sie den Betrieb gleichzeitig kennen",
sagt Herr Krügli mit befehlsgewohntem Ton, und die Sekretärin
macht sich sogleich an die Arbeit.
Nach einiger Zeit bemerkt sie: "Der Ordner vom 13. bis 20. Oktober
des vorigen Jahres fehlt."
"Er ist wahrscheinlich im Keller", sagt Herr Krügli, "im
Schrank, gleich neben der Türe. Wenn Sie hinuntergehen, dann achten
Sie am besten überhaupt nicht auf Olga und Josefine - wahrscheinlich
sitzen die beiden schon wieder im Keller und spielen Karten - und..."
Herr Krügli sieht die Sekretärin streng an, "sprechen Sie
nicht mit ihnen, sonst vergessen Sie, was Sie holen wollten. Aber auf
gar, gar keinen Fall dürfen Sie sich mit den beiden zum Kartenspielen
überreden lassen - merken Sie sich das!"
"Ja, Chef."
"Dort unten hüllt der schwarze Mond selbst die helle Sonne in
graue Schleier, bescheint die frohe Welt mit seiner Finsternis, verschluckt
ein jedes Licht, ein jede Freud' und auch die klare Vernunft, also nehmen
Sie am besten diese Taschenlampe mit - man weiß nie, ob das Licht
funktioniert oder fehlt. Gehen Sie jetzt!"
"Ja, Chef", sagt die Sekretärin und geht in den Keller.
Dort sitzen wirklich zwei Frauen bei einem Holztisch und spielen Karten.
Die Sekretärin schaut neugierig zu.
"Wieder gewonnen", jubelt eine der beiden und bemerkt die neugierige
Sekretärin, "schau! Da kommt die neue Sekretärin! Wie hübsch
und wie jung sie ist!"
Die andere Kartenspielerin, welche mit dem Rücken zur Tür sitzt,
dreht sich kurz um, mustert die Sekretärin mit einem fast wießen,
uralten Gesicht und mit stechenden, roten Augen, deren Blick eine Gänsehaut
verursacht, von oben bis unten und sagt: "Schön, schön!
Gut, gut", greift in die Luft, hat plötzlich eine Münze
in der Hand und legt sie auf einen großen Haufen von solchen Münzen,
den die erste Kartenspielerin schon vor sich liegen hat.
"Hier, fünf Franken", sagt die zweite Kartenspielerin,
"noch ein Spiel?"
"Aber mit mehr Einsatz", sagt die erste Kartenspielerin gierig.
"Um mehr spiele ich nicht", bekommt sie zur Antwort.
"Guten Tag, ich bin die neue Sekretärin von Herrn Julius Krügli",
sagt plötzlich die Sekretärin, und in diesem Augenblick hat
sie ganz vergessen, was sie hier im Keller holen wollte.
"Hallo, meine Kleine! Ich bin Olga", sagt die erste Kartenspielerin.
"Und ich bin Josefine - ach, bist du ein nettes Ding - komm, setz
dich zu uns", sagt die andere.
"Ich gewinne immer", bemerkt Olga, "willst du mitspielen,
meine Süße?"
"Ja", sagt die Sekretärin unsicher und setzt sich auch
an den Tisch, "ich habe aber nur wenig Geld."
"Setz alles auf diese Karte", sagt Josefine. Die Karten werden
gemischt, ausgeteilt, man spielt schnell und mechanisch.
"Gewonnen", ruft Olga begeistert, nimmt der Sekretärin
das Geld aus der Hand und legt es auf ihren Haufen aus lauter schon gewonnenen
Fünf-Franken-Münzen. Josefine greift im selben Moment in die
Luft, hat sogleich weitere fünf Franken in der Hand und legt sie
dazu.
"Los, los, noch ein Spiel", schreit Olga begeistert.
"Ich habe kein Geld mehr", meint die Sekretärin kleinlaut.
"Setze deine Kleider!", rufen die beiden Kartenspielerinnen
wie aus einem Munde und schon werden die abermals gemischten Karten ausgeteilt.
"Wieder gewonnen", kreischt Olga begeistert, "zieh dich
aus!" - und sie bekommt wieder eine Münze von Josefine. Diese
legt sie auf ihren Geldhaufen, zusammen mit den Kleidern der Sekretärin
und frägt Josefine: "Was könnte sie denn jetzt noch setzen?"
"Ihr linkes Bein", krächzt Josefine und die beiden kichern.
"Das ist gut - das linke Bein, ja, ja, ja", freut sich Olga
und teilt die Karten aus.
"Gewonnen! Her mit dem Bein! Leg es hier auf den Tisch! Reich mir
die Säge, Josefine, und halt das Bein gut fest!", johlt Olga
begeistert. Josefine holt eifrig und vergnügt kichernd eine große
Säge unter dem Tisch hervor und reicht sie Olga, dann hält sie
das Bein der Sekretärin fest und Olga quietscht vor Freude und will
gerade drauflossägen, da geht die Kellertüre auf und Herr Julius
Krügli, der Uhrenfabrikant, steckt den Kopf herein und sagt: "Halt!
Sie ist meine neue Sekretärin, steht unter Vertrag. Wenn sie ins
Krankenhaus kommt, dann muß ich die Krankenkassenbeiträge bezahlen,
wenn sie stirbt, muß ich die Bestattungskosten tragen - und Sie",
er wendet sich an die Sekretärin, "ziehen Sie sich an, kommen
Sie - und nehmen Sie den Ordner vom 13. bis 20. Oktober des vorigen Jahres
mit - den haben Sie wohl ganz vergessen, wie? - Und das nächste Mal
würde ich Ihnen nahelegen, den Ratschlägen Ihres Geldgebers
mehr Gehör zu schenken - meinen Sie nicht auch?"
"Ja, Chef", sagt die Sekretärin mit zitternder Stimme.
Wie sie oben im Büro von Herrn Krügli die Akten ordnet, sieht
sie vom Fenster aus wieder die beiden schwarz gekleideten Männer
mit Hut, welche diesmal das große Xylophon übers steile Kornfeld
hinuntertragen, wieder von der bunten "Papa, Papa!" rufenden
Kinderschar umgeben.
Die Sekretärin von Herrn Julius Krügli ist nicht lange dort
geblieben. Als sie der Uhrenfabrikant eine Woche darauf in den Keller
schickte, stieg sie zwar die erste Holztreppe hinab, aber dann ging sie,
statt weiter vom Parterre in den Keller zu steigen, einfach aus dem Haus,
floh aus der Schweiz, ohne jemandem ein Wort zu sagen.
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