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Die Kalenderreform
Als die Engländer im Laufe des zweiten Weltkrieges die Sommerzeit
zum Zwecke des Stromsparens erfanden, wußten sie natürlich
nicht, daß sie damit den ersten Schritt der Menschheit zur letztendlich
unumgänglichen totalen, globalen Kalenderreform getan hatten.
Wer hat sich nicht schon zu Beginn der Sommerzeit schwer getan, sich an
das frühere Aufstehen zu gewöhnen? Auch ergibt die Sommerzeit
am Äquator keinen Sinn, da dort Tag und Nacht das ganze Jahr über
stets gleich lang sind, und in nördlicheren oder südlicheren
Breiten ist zu den Polen hin eine Sommerzeit von nur einer Stunde keinesfalls
ausreichend. In der Tat gibt es heute schon in einigen Ländern die
doppelte Sommerzeit. Mit den neuen, chipsgefütterten und digitalen
Uhren wäre es heute technisch leicht möglich, die Sommerzeit
bis zum nördlichen und südlichen Polarkreis das ganze Jahr lang
jeweils so einzustellen, daß die Sonne immer um 21:00h untergeht.
So wäre es am Abend stets lange genug hell. Allerdings würde
dabei im Winter, sagen wir, in Norwegen, die Sonne unter Umständen
erst spät am Nachmittag aufgehen. Beschlösse man aber andererseits,
es immer sieben Uhr morgens sein zu lassen, wenn die Sonne aufgeht, so
ginge sie, immer beispielsweise in Norwegen, im Sommer erst einige Zeit
nach Mitternacht unter. Am Idealsten wäre es, Sonnenuntergang und
-aufgang mit einer fixen Uhrzeit zu verbinden. Die Stunden, Minuten und
Sekunden des Sommertags wären eben länger und jene in der Nacht
kürzer. Auch dürfte der Übergang der Sekundenlänge
zwischen Tag und Nacht nicht ruckartig verlaufen. Jede Sekunde innerhalb
von vierundzwanzig Stunden könnte ihre individuelle Länge haben,
die kürzeste Sekunde wäre beispielsweise genau um Mitternacht,
und die längste um zwölf Uhr mittags. Auch das Umstellen der
Uhren beim Überschreiten der Zeitzonen, zum Beispiel bei Flugreisen,
wäre weniger traumatisch, wenn sich die Uhr automatisch, und zwar
schon mit jedem Schritt, den man nach Osten oder Westen macht, um einen
winzig kleinen Bruchteil einer Sekunde umstellte.
Die Computer würden den nötigen Rechenaufwand spielend bewältigen
und es stünde, wenn man es so vereinbart, die Sonne im Mittag stets
am höchsten, sie ginge am Vormittag um 7:00h auf, Nachmittags um
21:00h unter, sodaß der Vormittag jeweils 5 Stunden dauerte, der
Nachmittag hingegen 9 Stunden, welche aber kürzer wären, und
das wäre überall auf der ganzen Welt innerhalb des nördlichen
und südlichen Polarkreises so.
Nach einiger Zeit hätte sich jedermann an die neuen Uhrzeiten gewöhnt.
Man hätte sich daran gewöhnt, mal um diese, mal um jene Zeit
schlafen zu gehen, je nach Jahreszeit. Jetzt kann der zweite Schritt erfolgen.
Um internationale Kongresse, beispielsweise im Internet, zu vereinfachen,
könnte man beschließen, die Zeitzonen abzuschaffen. Zu diesem
Zweck wird folgende Änderung eingeführt: Wenn die Sonne jeweils
aufgeht, so ist es jeden Tag um zehn Minuten früher. Nach einem Monat
etwa geht sie schon um zwei Uhr Nachts auf, nach zwei Monaten um 21:00h,
nach drei Monaten um 16:00h, und nach etwas mehr als einem Drittel Jahr
geht sie wieder, wie gewohnt, um 7:00h auf, aber dann sind am betreffenden
Tag die Stunden, Minuten und Sekunden anders verteilt als am Ausgangstag.
Der Vorteil an der Sache ist enorm: Etwa 2½ mal im Jahr ist zu
jeder Stunde eine andere Tageszeit. Nachtarbeiter, Bäcker, Kinovorführer,
Barkeeper und Callgirls, aber auch ein normaler Bankangestellter sind
nun, was das frühe Aufstehen oder das späte Schlafengehen anbelangt,
gleichberechtigt. Sie alle können 2 bis 3 Mal im Jahr bei Sonnenaufgang,
2 bis 3 Mal im Jahr bei Sonnenuntergang zur Arbeit gehen, was in ihre
jeweiligen Berufe Abwechslung und Lebendigkeit bringt. Da die Tage nun
zirkulär verlaufen, kann man die Weltzeit vereinheitlichen, die Zeitzonen
können wegfallen und internationale Videokonferenzen finden für
Teilnehmer an den verschiedensten Ecken der Welt zur gleichen Zeit statt,
nur daß, wohlgemerkt zur gleichen Tageszeit, in China beispielsweise,
hellichter Tag ist, in Amerika hingegen stockfinstere Nacht.
Vergessen wir keinesfalls, daß die jeweiligen Stunden, Minuten und
Sekunden zwar nicht mehr nach Längengrad, aber immer noch nach Breitengraden
jeweils verschieden lang sind, und die 24 Stunden laufen jeweils auf der
ganzen Welt im gleichen Zeitraum ab. Gleichzeitig haben wir, indem wir
den Sonnenaufgang jeden Tag um jeweils 10 Minuten früher stattfinden
ließen, pro Jahr etwa 2½ Tage dazugewonnen. Auf diese Weise
verschieben sich, läßt man den Tageskalender unverändert,
beispielsweise Weihnachten und Ostern im Laufe von ca. 150 Jahren einmal
durch alle Jahreszeiten.
Als nächster Schritt wird also weltweit die Breitengradzeit vereinheitlicht,
indem man auch diese zirkulieren läßt, sodaß an jedem
Punkt der Erde einmal die längeren Sekunden in die längere Nacht,
einmal in die kürzere Nachtzeit fallen, auch am Äquator kann
es hie und da zu sehr kurzen Nächten und langen Tagen oder umgekehrt
kommen, während zu anderen Zeiten ganz im Norden oder ganz im Süden,
ungeachtet der effektiven Jahreszeit, die Tages- und Nachtstunden gleich
lang sind. Endlich sind auch diesbezüglich Norweger und Afrikaner
gleichberechtigt.
Mit dieser neuen Zeitregelung wären schon nach etwa 75 Jahren alle
Kalenderjahreszeiten zu den effektiven Jahreszeiten um ein halbes Jahr
verschoben, und man könnte dann auch in Europa einmal mitten im Hochsommer
Weihnachten feiern, wie es heute schon in Brasilien geschieht. Wenn man
nun die Monate alle auf 30 Tage festsetzt, da das Jahr ja sowieso nicht
mehr mit der Zeit des Erdumlaufs um die Sonne übereinstimmt, und
dadurch den Kalender um etliches vereinfacht, weil man nun auch das Schaltjahr
nicht mehr zu berücksichtigen braucht, ist das Kalenderjahr, immer
mit der täglichen Verschiebung von zehn Minuten, um etwas weniger
als 3 Tage kürzer als das Sonnenjahr. Andererseits jammern schon
heute viele Menschen, daß ihnen der Monat zu lang sei, um mit einem
Monatslohn auszukommen, und wieder andere meinen, er sei viel zu kurz,
um mit der dafür vorgesehenen Arbeit fertigzuwerden. Um beiden Einwänden
gerecht zu werden, könnte man auch die Monatslänge dauernd verändern.
Der Monat könnte beispielsweise von mal zu mal je um einen Tag länger
werden, bis er 45 Tage lang ist, um dann wieder stufenweise abzunehmen,
bis er auf 10 Tage zusammengeschrumpft ist, bevor man wieder pro Monat
einen Tag dazunimmt, und so immer weiter. Weil Weihnachten immer vom 24.
auf den 25. Dezember gefeiert wird, könnte man, zur Errettung dieses
traditionsreichen Festes, den Dezember immer minimal 25 Tage lang sein
lassen; dem Jänner würden dann, falls der Dezember theoretisch
kürzer hätte sein müssen, die Tage weggerechnet, welche
der Dezember nach dem vereinbarten System zu lange dauerte. Wäre
bei immer kürzer werdenden Monaten der Oktober 12 Tage lang, so dürfte
der November nur noch 11 Tage dauern, der Dezember theoretisch nur noch
10, aber um Weihnachten nicht zu versäumen darf er dann doch 25 Tage
lang sein, also um 15 Tage zu lang. Diese werden dem theoretisch 11 Tage
dauernden Jänner abgezogen, sodaß der Jänner für
dieses Jahr nicht nur wegfällt, sondern auch noch um 4 Tage Schulden
beim Jänner des nächsten Jahres macht.
Alle Probleme der Menschen hängen immer mit dem Unvermögen zusammen,
flexibel zu denken und die Welt und alle Dinge in ihrer ständigen
Veränderung zu sehen. Die Menschen ignorieren Veränderungen
meist so lange, bis es zu spät ist. Die Gewohnheit bringt sie dazu,
immer wieder zu handeln, als ob alles für immer gleich bliebe, und
so können sie auf auftretende Schwierigkeiten erst reagieren, nachdem
sie schon eingetroffen und unbestreitbar real sind.
Die menschliche Existenz forderte in den vergangenen Jahrhunderten eine
mechanisierbare, gewohnheitsmäßig sich einpendelnde Verhaltensweise,
um mit immer wieder auftretenden und ähnlichen Schwierigkeiten fertig
zu werden. Schon heute könnte uns allen jegliche mechanische Verhaltensweise
von den Maschinen und Computern abgenommen werden - und das geschieht
in zunehmendem Maße. Angesichts dieser Tatsache wird der Mensch
in Zukunft nur lebensfähig sein, wenn er seinerseits ausschließlich
nicht zu mechanisierende Tätigkeiten findet, wenn er sich praktisch
angewöhnt, sich jegliche Gewohnheit, die zu wiederholenden Tätigkeiten
führt, abzugewöhnen.
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