Eine wichtige Nachricht

Es regnete sturzartig, die steile Straße zum Haus des Generals Pjotr Parfenowich Pawlow war nicht asphaltiert, sondern schlammig und rutschig, sodaß Stepan Snergirjow Swiridowich, der es sehr eilig hatte und zu Fuß unterwegs war, immer wieder ausrutschte und einige Male sogar in den Schlamm fiel. Stepan Snergirjow Swiridowich, auch er ein General, war im Gegensatz zu Pjotr Parfenowich infolge einer seltenen Krankheit ausgezehrt, spindeldürr und hohlwangig, während der General Pjotr Parfenowich selbst sehr robust gebaut war und gutes Essen keinesfalls zu verschmähen geruhte. Pjotr Pawlows rundes Gesicht verlieh ihm einen gutmütigen Ausdruck, der gar nicht zu seinem herrschsüchtigen Charakter paßte.
Der dürre General Stepan Snergirjow fiel wieder einmal der Länge nach in den Schlamm, fluchte auf russisch, rappelte sich wieder auf und hastete weiter, denn er hatte Pjotr Parfenowich eine wichtige Nachricht zu überbringen und jede Sekunde konnte kostbar sein.
Endlich stand er vor dessen Haus und klopfte mit aller Kraft am Eingangstor, und er mußte eine ganze Weile lärmen und toben, ehe ihm Pjotr Pawlow selbst die Türe öffnete, ihn, schlammbedeckt, wie er war, von oben bis unten vorwurfsvoll musterte und endlich widerwillig hereinbat. Gleich darauf wurde Stepan Snergirjow von seinem Gastgeber mit mürrisch - befehlendem Tonfall gefragt, was er denn wolle, er war aber vorerst so aufgeregt und außer Atem, daß er nicht imstande war, etwas Verständliches oder Zusammenhängendes zu sagen, und so sah sich Parfenowich Pawlow gezwungen, dem ungebetenen und vor Erschöpfung zitternden, vor Nässe und Kälte schlotternden, schlammbesudelten und dürren General Stepan Snergirjow Swiridowich, der ja jetzt ganz und gar erbarmungswürdig aussah - und Pjotr haßte nichts so sehr, wie erbarmungswürdige Gestalten, da er sich stets nur für mächtige und einflußreiche Siegernaturen zu begeistern vermochte - einen Sessel anzubieten und abzuwarten, bis jener sich soweit beruhigt hatte, daß er endlich sagen konnte, was er glaubte, so unbedingt und unverzüglich sagen zu müssen - aber dazu kam es noch nicht, denn sobald sich Stepan Snergirjow Swiridowich gesetzt hatte, klopfte es abermals an der Türe.
Wieder mußte der General Pjotr höchstpersönlich öffnen, denn er war an diesem Tag alleine zu Hause. Draußen sah er den Wagen des jungen Offiziers Alexej Alexandrowich, aber jener war nicht alleine gekommen, sondern hatte den General Michail Michelaiowich Micholopowsky mitgebracht und einen anderen, ihm unbekannten Menschen, der auf ihn einen ganz neutralen und gewöhnlichen Eindruck machte, sodaß er dessen Anwesenheit fast nicht zur Kenntnis nahm.
Bis auf diesen unbekannten Menschen erschienen dem Hausherrn seine neuen Besucher wesentlich interessanter als der armselige Stepan Snergirjow Swiridowich, den er einfach auf dem Sessel, den er ihm hatte anbieten müssen, weil jener so außer Atem gewesen, und es jetzt eigentlich immer noch war, schlottern ließ. Er führte seine neuen, illustern Gäste mit großartigen, gebieterischen Gesten am bibbernden, dürren General Snergirjow vorbei ins Wohnzimmer und überhörte bewußt, daß Stepan Swiridowich immer wieder leise hervorbrachte, es eile und er habe eine höchst wichtige Nachricht, die er aber nur Pjotr Parfenowich, und nur ihm allein, überbringen müsse.
Pjotr Parfenowich Pawlow sah selbstgefällig in die Runde und sagte, noch im Stehen: "Nun, meine Herren? Was ist der Grund Ihres Besuches - aber, bevor Sie mit Ihren Ausführungen beginnen, möchte ich noch gern wissen, um jegliche Mißverständnisse von vornherein zu vermeiden: Wer ist der modisch gekleidete Herr, den Sie mir mitgebracht haben? Mit wem habe ich die Ehre?"
Michail Michelaiowich Micholopowsky antwortete sogleich: "Sein Name ist Alfred. Er hat Wirtschaft studiert und ist jetzt mein Wirtschaftsberater - und dabei wären wir schon mitten drinnen in einer delikaten Angelegenheit..."
Der Gastgeber wandte sich sogleich mit strengem Gesichtsausdruck an Alfred und sprach, den General Michail Michelaiowich Micholopowsky brüsk unterbrechend: "Ich freue mich, endlich Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen, Herr Alfred. Ich habe über meine Cousine Warwara Werchowzewa Worochowa schon von Ihnen gehört. Sie ließ sogar verlauten, Sie hätten die Absicht, sie zu heiraten - und ich sage Ihnen gerade heraus, daß ich das nicht billigen werde. Ich bin ein einflußreicher General und kann so manches verhindern. Gegen Sie persönlich habe ich gar nichts, ich sehe Sie ja hier zum ersten Male, und der erste Eindruck sagt mir, daß Sie ein rechtschaffener Mensch sind - und eben weil ich in Ihnen einen vernünftigen Menschen zu erblicken glaube, bin ich ganz und gar der Ansicht, daß ich mit Ihnen am besten Klartext rede.
Warwara Werchowzewa Worochowa soll den General Michail Michelaiowich Micholopowsky heiraten und keinen anderen. Dies ist nicht nur für Warwara, Michail und mich ein Vorteil, sondern steht auch im Interesse der militärischen Koordination von Macht und Wirtschaft.
Als Wirtschaftsberater von Micholopowsky wissen Sie ja sicher, daß seine Haupteinnahmequelle aus seinen Entdeckungen auf dem Gebiet der chemischen Waffen stammt. Nun, ich bin der unumstößlichen Ansicht, daß Geld allein nicht ausreicht. Ich befehlige die wichtigsten militärischen Einheiten, und nun soll zur Stärkung des Vaterlandes meine Cousine Warwara Werchowzewa Worochowa, welche sozusagen die Seite der Macht vertritt, den General Micholopowsky heiraten, welcher das nötige Kapital zur rechten Handhabe dieser Macht einbringen wird.
Daß sie mich nicht unterbrochen haben, bedeutet für mich, daß sie mich verstanden haben, in dem Sinne, als Sie es als ein Durchschnittsmensch nicht wagen dürfen, durch eine Ehe mit meiner Cousine ein Machtpotential an sich zu reißen, mit welchem Sie absolut nicht zurechtkommen würden. Für Ihr Verständnis werde ich mich erkenntlich zeigen. Sowie Warwara Werchowzewa mit General Michail getraut ist, werden Sie befördert werden, egal, in welchen Bereich Sie gerade tätig sind. Das kann ich selbstredend leicht arrangieren - und an diesem Beispiel sehen Sie auch, was ich unter Macht verstehe."
Michelaiowich Micholopowsky fuhr zornig auf: "Ich muß doch sehr protestieren, wie mit meinem Wirtschaftsberater hier umgegangen wird, ganz zu schweigen von meiner eigenen Person. Ich wurde in der Angelegenheit mit Ihrer Cousine Warwara noch gar nicht befragt. Vielleicht hege ich gar nicht die Absicht, sie zu heiraten!"
Pjotr Parfenowich war erstaunt: "Aber mein lieber Michail Michelaiowich Micholopowsky! Ich dachte immer, auch Sie würden das als die einzige Möglichkeit..."
"Ich bin nicht Ihr lieber Michail Michelaiowich Micholopowsky", fiel ihm dieser gleich zornig ins Wort, "und ich denke, es gibt sehr wohl andere Möglichkeiten. Ich finde, man sollte Ihre Cousine Warwara dem armen Alfred nicht vorenthalten, da ich selbst, der ich im Gegensatz zu Ihnen, mein lieber Pjotr Parfenowich Pawlow, auch menschliche Gefühle zu haben verstehe, zufällig in eine andere Person verliebt bin, die ich auch heiraten werde - ob Sie das nun wollen oder nicht."
"Das ist doch...", wollte Pjotr schon aufbrausen, doch Alexej Alexandrowich, der junge Offizier, sprang plötzlich mit hochrotem Kopf auf und rief: "Die Person, welche dieser Micholopowsky heiraten will, das ist meine liebe Maja, mit welcher ich schon verlobt bin. Er hat ihr so teuren Schmuck gekauft, daß ich ein Leben lang sparen müßte, um mir auch nur die Hälfte davon leisten zu können, aber Maja läßt sich von Ihrem Schmuck, Herr Michail Michelaiowich, nicht beeindrucken, auch wenn Sie zehnmal reicher wären!"
Michail Micholopowsky war auch aufgestanden und brüllte jetzt zurück: "Das war also der Grund, daß du dich angeboten hast, mich und Alfred mit deinem Auto zum General Pjotr Parfenowich zu bringen!"
Der schmächtige Stepan Snergirjow hatte sich inzwischen aufgerappelt und war auch ins Wohnzimmer gekommen, zupfte jetzt den Hausherrn am Ärmel und flüsterte ihm zu: "Herr Pjotr Parfenowich Pawlow, ich muß Ihnen jetzt endlich diese überaus wichtige Nachricht überbringen: Die..."
"Du bist immer noch hier?", fuhr Pjotr Pawlow wütend herum, "Mach, daß du wieder ins Vorzimmer kommst! Du kleckerst mir mit deinem Schlamm ja den ganzen Teppich voll - also los, marsch, marsch!"
Inzwischen hatten die drei anderen Gäste heftig und laut zu diskutieren begonnen. "Ruhe, Ruhe", bellte der General Pjotr Parfenowich, "das ist ja gar nicht zum Aushalten hier! Disziplin, meine Herren!"
Der junge Offizier Alexej wandte sich sogleich Pjotr Pawlow zu und sagte mit heftiger Erregung: "Ich werde Maja heiraten, ob Sie mich dann befördern lassen oder nicht, dann wird unserem Michail gar nichts andres übrig bleiben, als Ihre Cousine zu nehmen. Ich bin auf Ihrer Seite."
"Sie werde ich befördern, und wie!", entgegnete Parfenowich gerührt, "Sie werden einen Posten bekommen, der so hoch ist, daß sie gar noch nicht wissen, daß es diesen Posten gibt. Hören Sie, Michail Michelaiowich Micholopowsky? Maja ist schon vergeben - und Sie Alfred - sind Sie auch auf meiner Seite? Verzichten Sie nun auf Warwara Werchowzewa oder nicht? Na? Auch Sie könnten ja befördert werden, sogar noch diese Woche!"
"Ich weiß nicht recht...", antwortete Alfred schüchtern, da rief Pjotr sogleich erbost aus: "So stecken Sie also mit Micholopowsky unter einer Decke? Ihr plant ein Komplott gegen mich, wie?"
"Herr Pjotr Parfenowich Pawlow, es tut mir leid, Sie in Ihrer sicher überaus wichtigen Auseinandersetzung mit den illustren Herren hier zu stören", hörte man Swiridowich aus dem Vorzimmer flehen, "doch ich muß Ihnen wirklich eine sehr, sehr wichtige Mitteilung machen: Die..."
"Gleich, Herr Stepan Snergirjow, gleich", schrie Pjotr, außer sich vor Zorn, "aber nicht jetzt. Erst muß ich diesen Knallkopf von einem Michail Michelaiowich Micholopowsky zur Vernunft bringen."
"Knallkopf? Zu mir? Herr Pjotr Parfenowich Pawlow, ich wollte Sie eigentlich mit einer bedeutenden Summe bedenken", brüllte der empörte General Michelaiowich zurück, "sozusagen als Entschädigung, daß ich Ihre Cousine nicht heiraten werde, aber das werde ich mir nun doch sehr gut überlegen - und was Sie betrifft, Herr Alexandrowich - Sie werden noch Ihr blaues Wunder zu erleben haben. Auch ich habe meine Einflüsse - vielleicht sind Sie morgen schon nur mehr ein einfacher Soldat", und er stürzte gleich nachdem er das gesagt hatte, aus dem Saal, am immer noch schlotternden General Snergirjow vorbei ins Freie und ließ die Türe demonstrativ mit einem lauten Knall ins Schloß fallen.
Alexej Alexandrowich rief ihm hinterher: "Das könnte Ihnen so passen... Meine Maja läßt sich für Geld nicht einfach kaufen", dann wandte er sich aber sogleich besorgt an Parfenowich mit der Bitte: "Helfen Sie mir! Er wird seine Drohung doch nicht wahr machen?"
"Seien Sie beruhigt", meinte Pjotr Pawlow großartig, "gegen Sie ist er machtlos, wenn ich auf Ihrer Seite stehe."
Alfred war nun auch aufgestanden und bemerkte schüchtern: "Ich werde jetzt wohl auch gehen, Herr General."
"Bitte, lieber Herr General Pjotr Parfenowich Pawlow...", begann Snergirjow im Vorzimmer wieder mit zittriger Stimme, doch dieser rief nur grob: "Maul halten, da hinten!", und stellte sich dann Alfred in den Weg: "Ich lasse Sie nicht weg von hier, ehe Sie mir versprochen haben, meiner Cousine Warwara Werchowzewa Worochowa künftig nicht mehr den Kopf zu verdrehen."
"Ich kann nichts dafür -", sagte Alfred erschrocken, "sie hat sich in mich verliebt."
Pjotr Parfenowich lächelte böse, ohne Alfred vorbeizulassen: "In eine graue Maus wie Sie? Das wollen Sie mir weismachen? Seien Sie vernünftig, legen Sie als Wirtschaftsberater ihrem Micholopowsky nahe, wie günstig eine Hochzeit mit meiner Cousine Warwara Werchowzewa in finanzieller Hinsicht wäre, mein Versprechen bezüglich der Beförderung, die ich erwirken werde, sobald sie mit ihm verheiratet ist, erneuere ich hiermit. Nun, was sagen Sie dazu?"
"Ich weiß nicht recht...", meinte Alfred kleinlaut und der General donnerte los: "Hergottnochmal, Sie sind wirklich ein rückgradloser Aal! Entscheiden Sie sich endlich!"
"Also gut. Ich werde tun, wie Sie sagen - im Rahmen des Möglichen", flüsterte Alfred kleinlaut und mit gesenktem Kopf.
"Na endlich. Sie sind doch ein ganzer Kerl, ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Auf Wiedersehen."
Alfred und Alexej Alexandrowich verabschiedeten sich beide höflich und gingen wieder in den Regen hinaus, Pjotr Pawlow begleitete sie und sagte dann zu Stepan Snergirjow: "Sie sind ja immer noch da! Was wollen Sie denn?"
"Ich... ich...", stotterte dieser.
"Na, was denn?"
"Jetzt habe ich ganz vergessen, was ich Ihnen sagen wollte."
"Dann scheren Sie sich zum Teufel! Raus!", rief Parfenowich lachend und schob den dürren General Snergirjow mit seinen kräftigen Händen zur Tür hinaus, während dieser immer wieder beteuerte: "Aber es war sehr wichtig..."
Der General Pjotr schlug die Türe mit aller Gewalt zu - und durch die geschlossene Türe hörte er noch, wie der arme General Stepan Snergirjow Swiridowich, vom heftigen Zuschlagen des Haustors erschreckt, wieder der Länge nach in den Schlamm fiel.

 

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