Der Berglöwe telephoniert mit Albert Einstein


(Albert Einstein ist sagt in Klammern: "Zustandsänderungen bei Erschütterungen des Gemüts haben Bewegungen von Körpern zur Folge.Beseelte Körper bedienen sich unbeseelter Körper zur Steigerung der Geschwindigkeit ihrer Bewegungen, was Einfluß auf die Masse beider hat und auch die Zeitdimension verändert. Oder, praktisch ausgedrückt:
Dem Glücklichen schlägt keine Stunde.")

BERGLÖWE: "Ich habe gehört, Annabella stelle mir nach.
Der Abenteurer sagt mir, sie sei eine Prinzessin und mache in Kriterium beim Schönheitswettbewerb mit. Als ich mich beim grauen Männlein erkundigte, erfuhr ich mehr über die Prinzessin Annabella und über die Räubermagd. Annabella ist in gewissem Sinn einer Vierfaltigkeit ähnlich.
Was ich nicht verstanden habe, ist das mit dem Dichter. Annabella stellt mir nach, trifft hier in Venedig jedoch den Dichter. Andererseits trifft sie in Kriterium auch den Dichter. Ist der Dichter zweifaltig?"
ALBERT EINSTEIN: "Nein. Der Dichter ist virtuell und hat zwei Versionen. Stell dir vor, wir alle, Kriterium, Venedig alles wäre virtuell, nur der Dichter wäre real und würde versuchen, das virtuelle Bild unserer Welt wiederzugeben."
BERGLÖWE: "Ein etwas unwahrscheinlicher Standpunkt, anzunehmen, daß alles unwirklich werden muß, nur, damit der Dichter real wird."
ALBERT EINSTEIN: "Schon, aber es ist ja nur ein Gedankenmodell."
BERGLÖWE: "Gut."
ALBERT EINSTEIN: "Der Dichter hatte so gute Absichten, klar und deutlich zu sein, aber schau, was herausgekommen ist: Die Zeitdimension, welche in der Darstellungsweise des Dichters, der Sprache und der Logik, implizit enthalten ist, und die Vorstellung der untheilbaren Einheit von Personen und Individuen, welche ebenso von der Darstellungsweise des Dichters impliziert wird, werden mit dem, was der Dichter abbilden will, also Venedig, Albert Steffen, Kriterium, die Könige, die Pinguine, du und ich und so weite , die wir ja in meinem Gedankenmodell virtuell sind, und daher nur Abbild sein können, nicht fertig.
Anders gesagt: Raum und Zeit, wie sie von der Sprache impliziert werden, kommen mit dem, was sie ausfüllen soll, in der Form, in der sie vorausgesetzt werden, nicht zurecht, und damit sie zurechtkommen könnten, dürfte es sich nicht um ein Abbild handeln, das Raum und Zeit, in dieser zu engen Weise voraussetzt und impliziert."
BERGLÖWE: "Armer Dichter!"
ALBERT EINSTEIN: "Kehren wir den Standpunkt des Betrachters um. Die wahrscheinlichere Version ist, daß alles, Venedig und Krite-rium, Albert Einstein und der Berglöwe, real existiert. Dann ist der Dichter virtuell, und wir alle haben dieselben Probleme mit dem Dichter, wie er im anderen Gedankenmodell mit uns hätte."
BERGLÖWE: "Wir Armen!"
ALBERT EINSTEIN: "Aber wir werden leicht mit diesen Problemen fertig, da der Dichter von beliebig vielen Gesichtspunkten stellenweise erfaßt und beschrieben werden kann."
BERGLÖWE: "Gottseidank!"
ALBERT EINSTEIN: "Wir haben in unserer realen Welt einfach mehrere Versionen des Dichters, die im Einzelnen das Phänomen "Dichter" zwar unzureichend erfassen, die sich auch gegenseitig widersprechen, die aber, über ihre Paradoxe hinaus, insgesammt ein ziemlich vollständiges Bild des Dichters liefern würden, wenn sie sich nicht widersprächen.
Das wäre in der Physik nicht das erste Mal, daß so etwas ge-schieht: Schau dir die Gegensätze zwischen meiner Relativitäts-theorie und Heisenbergs Quantenphysik an. Ich kann die Quantenphysik nicht akzeptieren, da ich an meine Theorie glaube (Gott würfelt nicht). Trotzdem sind beide Theorien auch experimentell bewiesene Thatsachen, oder besser, es sind zwei sich widersprechende, aber richtige, Beschreibungen der Welt, wie sie wirklich ist."
BERGLÖWE: "Beeindruckend, aber irgendwie nicht ausreichend. Was weißt du noch über den Dichter?"
ALBERT EINSTEIN: "Mir sind zwei Versionen des Dichters bekannt, genau wie dir und genau wie in der Physik mit den beiden Theorien. Als Wissenschaftler fallen mir in den beiden virtuellen Dichterversionen, die ich gern mit den zwei Brennpunkten einer optischen Linse vergleiche, gewisse Constanten auf."
BERGLÖWE: "Und zwar?"
ALBERT EINSTEIN: "Zuerst die Synthese, dann die Analyse:
Der Dichter in Kriterium wird von der Orchidee in Bewegung gesetzt. Die Orchidee ist unklar und unwirklich, da sich später herausstellt, daß es eine Negerin ist, die Ama Ata heißt. Dadurch trifft der Dichter Annabella, die aussieht, wie die Venus von Botticelli, und er kann mit ihr zusammen den Brückenbau in Kriterium unterstützen.

Der Dichter in Venedig ist Ernst Jandl; sein Gedicht, das er über die Pinguine macht, läßt das erkennen. Er wird von einem Bild in Bewegung gesetzt, das er im krausen Muster der Tapete erblickt. Das Bild ist unwirklich und unklar. Dadurch trifft er Annabella, und er kann mit ihr zusammen einen geheimen Auftrag von Maximilian Reutter ausführen.

In beiden Versionen wird der Dichter von etwas Unklarem in Bewegung gesetzt. Das Unklare erzeugt eine Gemütsbewegung, welche echte Bewegung erzeugt. Dann trifft der Dichter in beiden Versionen Annabella, und gemeinsam mit ihr unternimmt er etwas. Da es sich um einen virtuellen Dichter handelt, da es also zwei Erzäh-lungen innerhalb der realen Welt sind, gibt es für den Dichter ein Happy End in bei-den Fällen, und er bekommt Annabella. Die reale Annabella hingegen ist eine Prinzessin und wird Königin."
BERGLÖWE: "Und der wirkliche Dichter?"
ALBERT EINSTEIN: "Im Gedankenmodell, wo alles virtuell ist und nur der Dichter real, gibt es für uns alle ein Happy End, und die vier Könige krönen die Prinzessin Annabella zur Königin."
BERGLÖWE: "In beiden Gedankenmodellen haben wir das gleiche Resultat."
ALBERT EINSTEIN: "Beide Gedankenmodelle beschreiben dasselbe von verschiedenen Standpunkten aus. Ist die Beschreibung korrekt, so muß das Resultat übereinstimmen."
BERGLÖWE: "Logisch. Danke für den Einblick in die physikalische Sicht der Dinge. Jetzt wird die Sache, wenn nicht verständlich, so doch erklärbar."

Zurück zur Texteseite von Daniel Oberegger