Warum ich meine Celloschüler hinausgeworfen habe

Meine beiden Celloschüler habe ich hinausgeworfen. Sie konnten nichts, trieben nur Unfug, übten daheim nie. Ich bin erleichtert, sie endlich los zu sein.
Zu Hause sagen sie niemandem davon, daß ich sie hinausgeworfen habe. Am nächsten Dienstag gehen sie mit ihren Cellos, wie jeden Dienstag, los - aber natürlich nicht mehr zur Cellostunde, sondern auf den Flohmarkt, wo sie ihre Instrumente gegen eine Fiedel, ein Banjo und einen Hut eintauschen. Dann stellen sie den Hut auf und spielen, was das Zeug hält.
Man könnte meinen, Sie könnten doch gar nichts, übten daheim nie, trieben nur Unfug. Ich war immer erschöpft, als die Stunde endlich zu Ende war, doch Schon nach kurzer Zeit haben sie den Dreh heraus - man sieht gleich, daß sie während der Cellostunden sehr wohl etwas gelernt haben, daß sie es sich aber dort offensichtlich, vielleicht um mir das Unterrichten noch mehr zu verdrießen, niemals anmerken haben lassen. Sie haben sich die ganze Zeit verstellt, hatten dabei sogar ihren Spaß, taten immer, als brächten sie nicht einen Ton zusammen.
Auf dem Flohmarkt aber sind sie nicht mehr zu bremsen. Sie spielen einen Ragtime nach dem anderen und manch ein Passant läßt einige Münzen in den aufgestellten Hut fallen. (Daß der Musikunterricht nicht ganz umsonst gewesen ist, freut mich zwar - noch froher bin ich allerdings, sie endlich los zu sein.)
Meine beiden Celloschüler sind verschlagene, gerissene Gauner - und sie treiben es immer bunter: Wie die Leute nach ein, zwei Stunden der flotten Musik überdrüssig geworden, keinen Groschen mehr springen lassen, verfallen die beiden Ragtimespieler auf eine List, um zu weiterem Geld zu kommen. Sie geben das ganze bisher bekommene Geld in ein Portemonnaie und dann laufen sie damit einem vornehmen Herrn hinterher und rufen: "Entschuldigung, mein Herr! Sie haben ihre Geldtasche verloren!"
Der Herr bleibt erschrocken stehen, dreht sich um und zieht dann erleichtert sein eigenes Portemonnaie aus der Hosentasche.
"Nein, nein", sagt er, "hier ist sie ja. Jemand anderes muß sie verloren haben", und dabei hält er seine eigene Geldtasche ganz locker in seiner Hand. Einer der Ragtimespieler schnappt sie sich schnell, und der andere wirft dem Herrn im gleichen Moment das eigene, prall gefüllte Portemonnaie zu, dieser fängt es instinktiv auf und der Ragtimespieler schreit sofort wie am Spieß, auf den verwirrten Herrn deutend: "Haltet den Dieb! Haltet ihn! Er hat mein Geld gestohlen, zu Hilfe!"
Einige Passanten drehen sich schon zu ihnen um, da läßt der vornehme Herr in Panik die Geldtasche der Ragtimespieler fallen und läuft davon, ganz blaß im Gesicht und völlig durcheinander. Die Halunken aber nehmen das Geld des Bestohlenen, werfen seine Dokumente in den nächsten Briefkasten und schlagen sich im Gasthaus lachend die Bäuche voll.
Nachdem sie sich sattgegessen haben, müssen die beiden Ragtimespieler so sehr über zwei glatzköpfige Mönche lachen, die soeben ins Lokal gekommen sind, daß sie beide vom Stuhl fallen. Die zwei buddhistischen Mönche gehen mit ihren langen, orangen Gewändern direkt auf die beiden von ihren Stühlen gefallenen Ragtimespieler zu, die sich immer noch vor lauter Lachen die Bäuche halten und stellen sich freundlich vor: "Ich bin Jingel", sagt der eine Mönch, "und ich bin Jangel", ergänzt der andere Mönch, "und wir beide möchten endlich die weltlichen Genüsse kennenlernen, die es in Samsara, dem ewigen Jammertale, geben soll, und vor denen wir stets so streng gewarnt worden sind", fügen die beiden Mönche wie aus einem Munde hinzu.
Die Ragtimespieler können sich nicht fassen vor lauter Lachen, sie rollen auf dem Boden hin und her, schütteln sich, grölen vor Vergnügen und haben einen Riesenspaß.
Endlich, nach einer ganzen Weile, während der die Mönche ruhig zugesehen und abgewartet haben, können sich die Ragtimespieler aufrappeln. Sie meinen, sie seien wohl gerade die Richtigen zu so etwas - und sie wollen die Mönche gerne in sämtliche weltliche Genüsse einweihen, denn was zu zweit Spaß mache, sei zu viert erst richtig lustig, schon in diesen ersten Minuten seit ihrem Zusammentreffen haben sie ja gelacht wie selten einmal - und dann nehmen sie die Mönche mit in den Lunapark.
Beim Achterbahnfahren kreischen die Ragtimespieler begeistert und werfen Arme und Beine in die Luft, in den Kurven aber beugen sie sich weit aus ihren Wägelchen und winken den Mädchen zu, die unten stehen und zusehen. Die Mönche halten sich fest, wo sie nur können, sind bleich, reißen weit die Augen auf, es wird ihnen schlecht und sie fürchten sich. Am Ende der Fahrt müssen sie sich sofort erbrechen und haben weiche Knie.
Da nehmen sie die Ragtimespieler mit ins Hurenviertel der Stadt. Sie schäkern mit den Freudenmädchen, kneifen sie in den Hintern, schauen ihnen unter die Röcke und handeln den Preis herunter, stecken in den Bars den Gogo- Girls Geldscheine ins Höschen, trinken ein Bier nach dem anderen, torkeln dann besoffen durch die Straßen und küssen sich gegenseitig vor Rührung. Jingel und Jangel aber schauen sich stets furchtsam um, weichen vor den Huren zurück, schlagen schüchtern die Augen nieder, erröten, schämen sich für sich und auch für ihre Begleiter und vom vielen Bier bekommen sie bloß Kopfweh.
Nach einer recht kurzen Nacht in einem viertklassigen Hotel nehmen die beiden Ragtimespieler die Mönche wieder mit, diesmal ins Gasthaus. Mit dem verbliebenen Geld ihrer gestrigen Beute bestellen sie Fleisch und Fisch, Süßes und Saures, Scharfes und Mildes, die Spezialitäten des Hauses, die erlesensten Weine, Coca Cola und raffinierte Desserts. Ohne viele Skrupel essen und trinken sie alles durcheinander, nagen die Knochen alle genußvoll ab, lutschen an den Gräten der aufgegessenen Forelle, trinken die Weinflaschen leer, löffeln gierig die Nachspeise, beweisen zwar keine Tischmanieren, dafür aber einen gesegneten Appetit, rülpsen zufrieden und spritzen am Ende glücklich mit der Bratensouce herum, furzen laut und ekstatisch, pfeifen der Kellnerin hinterher. Die Mönche haben keinen Hunger, sind noch benommen von den gestrigen Bieren, bekommen vom vielen Essen Bauchweh, können hinterher im Park nicht schlafen, wo man eine kurze nachmittägliche Verdauungspause einzulegen geruhte, weil die Ragtimespieler so laut und vor allem asynchron schnarchen.
Mit dem allerletzten Rest der gestrigen Beute gehen die vier ins Kino - in einer Hand ein Sackerl Popcorn, in der anderen ein Schächtelchen mit Bonbons. Die beiden Ragtimespieler rufen immer "Juhui!", wenn ein Schuß fällt, sie reißen laut unanständige Witze bei der Liebesszene und werfen mit dem Popkorn im Saal herum, um die anderen Kinobesucher zu ärgern. Jingel und Jangel zucken bei den Schüssen zusammen, weinen, wenn der Gangsterboß von der Polizei endlich gestellt und erschossen wird, weil sie ihn den ganzen Film über für den Helden gehalten hatten, der alles noch einrenken und zum Guten wenden werde und schämen sich, daß ihre Gefährten so viel Unfug treiben und lärmen.
"Jetzt sind wir pleite", sagen die Ragtimespieler, "am besten gehn wir zum Flugplatz, dort kann man in kurzer Zeit leicht das große Geld machen - nur Mut! Kommt mit, ihr beiden buddhistischen Jammerlappen, vielleicht vergnügt ihr euch ja doch noch."
Und Jingel und Jangel vergnügen sich wirklich - zum ersten Mal, wo sie mit den beiden Gaunern zusammen sind: Die Ragtimespieler haben sich und ihren Hut aufgestellt und spielen, was das Zeug hält, auf ihren Instrumenten, die sie die ganze Zeit über stets mit sich herumgeschleppt haben. Jingel und Jangel hören mit grenzenloser Bewunderung zu, doch bald ist der Hut voll Münzen und die Musiker sind des Spielens schon müde.
"Jetzt müßt ihr aufpassen, wie's gemacht wird", sagen sie zu den Mönchen und wiederholen sogleich ihren Geldtaschentrick - und einige Diebstähle später ist der Moment gekommen, wo auch die Mönche eine Geldtasche erbeuten sollen. Jingel hält das Portemonnaie hoch und sagt: "Entschuldigen Sie, meine Dame, Sie haben Ihre Geldtasche verloren."
Die Dame dreht sich um, kramt in der Handtasche, findet ihre Geldbörse endlich, sagt erleichtert, es müsse sich um das Portemonnaie von jemand anderem handeln, da will ihr Jangel auch schon die Geldbörse aus der Hand reißen - und Jingel wirft ihr sein Portemonnaie hin - aber die Frau fängt es nicht auf, hält auch ihre eigene Geldbörse fest und läßt sie sich nicht nehmen, sondern ruft den Polizisten, der genau hinter Jingel steht und diesen nun festnimmt, und Jangel läuft erschrocken fort - geradewegs in die Arme eines weiteren Polizisten. "Bringen wir sie auf's Revier", sagt er zu seinem Kollegen.
Da stürzt einer der beiden Ragtimespieler direkt auf die beiden Polizisten zu, der andere jagt ihm hinterher und ruft: "Haltet den Dieb, haltet ihn auf", und auch er huscht zwischen den beiden Polizisten durch, die sich erstaunt umdrehen und die Mönche losgelassen haben. In diesem Augenblick haben die Ragtimespieler aber schon einen Haken geschlagen, rennen wieder auf die Polizisten zu, ein jeder packt einen der verwirrten Mönche blitzschnell beim Arm und zerrt ihn weiter zum Fließband hin, auf dem das Fluggepäck durch den Metalldetektor befördert wird. Sie springen über alle Koffer dahin, schlüpfen durch den Detektor, laufen auf den freien Flugplatz hinaus, entreißen vier japanischen Managern, die gerade als letzte in ein startbereites Flugzeug einsteigen wollen, ihre vier Flugbillette, stoßen sie zurück, erklimmen selbst die Stiege zum Flugzeug, und bevor die Stewardeß, die alles mitangesehen hat, protestieren oder etwas sagen kann, drückt ihr einer der beiden Ragtimespieler schnell einen buchstäblich atemberaubenden Kuß auf ihren lippenstiftroten Schmollmund. Der andere Ragtimespieler schließt die Flugzeugtür von innen, die überraschte und ratlose Stewardeß fügt sich und weist den beiden Mönchen und auch den beiden Ragtimespielern die Plätze der vier japanischen Manager zu, welche draußen bleiben, und so kommt es, daß Jingel und Jangel mit den beiden Ragtimespielern in der ersten Klasse direkt nach Tokyo fliegen, über den Nordpol hinweg.
Es erübrigt sich wohl zu sagen, daß sich unsere schrägen Spitzbuben wieder einmal königlich amüsieren, wie sie sich von der Stewardeß einen Imbiß nach dem anderen bringen lassen und ihr dabei jedesmal zuzwinkern und zugleich obszöne Gesten machen, daß sie sich dauernd gegenseitig an- und abschnallen, in geheuchelter Unwissenheit das Rettungsgummibot aktivieren, welches sich selbst aufbläst, die Sauerstoffmasken ausprobieren, welche bei dieser Gelegenheit von oben herunterpendeln, sämtliche anderen Fluggäste in Panik versetzend, die glauben, es handle sich um einen ernst zu nehmenden Notfall, und daß sie auch sonst quietschvergnügt auf ihren Sitzplätzen herumturnen und den Reisenden vor, neben und hinter sich alle möglichen dummen Streiche spielen, während die beiden Mönche Jingel und Jangel auch an ihrem unverhofften Flug nach Tokyo keine rechte Freude haben. Sie sorgen sich, wie es weitergehen soll, fürchten, das Flugzeug könne möglicherweise abstürzen und in diesem Falle hätten sie ja angesichts der vergangenen Stunden, die sie gemeinsam mit den Ragtimespielern verbracht haben, eine sehr unerfreuliche Wiedergeburt zu erwarten; das in den letzten beiden Tagen angesammelte schlechte Karma sei sicher enorm und habe sie in ihrem spirituellen Werdegang mindestens um einige, wenn nicht um hunderte von Reinkarnationen zurückgeworfen und so weiter.
Die Ragtimespieler lassen sich aber ihre gute Laune nicht nehmen, und wie das Flugzeug mit der erschöpften Stewardeß endlich in Tokyo landet, nehmen sie den ersten Bus mitten hinein in die wimmelnde Großstadt und kurz darauf sind sie schon in einem der enormen Kaufhäuser damit beschäftigt, Unfug zu treiben.
Jingel und Jangel, die beiden verunsicherten buddhistischen Mönche, deren Gesichter einen immer verdrosseneren Ausdruck annehmen, können nicht anders, als weiterhin bei den Ragetimespielern zu bleiben und mit ihnen zu gehen, sind sie doch ohne diese verloren in einer Metropole, wie es Tokyo ist, ohne das Japanische, Englische oder sonst etwas zu verstehen. Trübsinnig und in sehr wagen Gedanken über Samsara, das sie immer weniger begreifen, je mehr sie danach trachten, es kennenzulernen, und das Dharma, welches all das zusammenhalten und dem allen einen Sinn geben sollte, versunken, gehen sie hinter den beiden frivolen Spitzbuben her und lassen die Köpfe hängen, finden an nichts Gefallen, nichts erscheint ihnen beachtens- oder begehrenswert und sie haben Kopfweh, sind müde und erschöpft - und natürlich tun sie mir leid, auch wenn ich weiß: Hätte ich meine beiden Celloschüler nicht hinausgejagt, wäre ich es jetzt, der so müde und erschöpft wäre und Kopfweh hätte.

 

Zurück zur Texteseite von Daniel Oberegger