Das Begräbnis der Mütter

Mitten in der Stadt gibt es einen Spielplatz mit Schaukeln, Wippen, Kletternetz, Sandkasten und Rutschbahn. Im Fußballfeld gleich daneben spielen die Buben, auch den Spielplatz mit Kindergeschrei erfüllend, das herübertönt, aber der Spielplatz ist leer, bis auf zwei kleine Mädchen, die im Sandkasten mit ihren Puppen spielen.
Sie heißen Natalie, die schon Sieben ist, und Maja, die nächsten Monat - sie hat zu ihrem Leidwesen genau einen Tag vor Weihnachten Geburtstag - Sieben wird. Ihre Mütter heißen Elke und Olga und gehen fast jeden Tag zum Friseur; in dieser Zeit dürfen Natalie und Maja auf den Spielplatz.
Dort spielen die beiden Mädchen meistens ein Spiel, das sie "Begräbnis der Mütter" nennen, und das in den verschiedensten Varianten, doch immer mit dem gleichen Ausgang gespielt wird:

"Gib mir die Puppe von dir, dann kriegst du meine", schlägt Maja vor.
"Gut", sagt Natalie, tauscht mit Maja die Puppen aus, "deine Puppe wäre meine Mutter."
Maja ist einverstanden: "Dann wäre deine Puppe Olga."
"Und ich bin der Herr Friseur", fügt Natalie hinzu.
"Gut", sagt Maja, "dann bin ich die Polizei."

Natalie zeichnet ein Rechteck in den Sand: "Das wäre das Geschäft vom Friseur. Hereinspaziert, meine Damen!"
Maja setzt beide Puppen ins Rechteck: "Grüß Gott, Herr Friseur!"

FRISEUR: "Nehmen Sie Platz, gnädige Frau - und Sie können daneben sitzen, bittesehr. Wünschen die Damen einen Haarschnitt?"

Maja sagt für die Puppe, die Natalies Mutter Elke sein soll: "Ist doch logisch. Wollten wir ein Schnitzel, wären wir zum Mezger gegangen!", und dann fügt sie für die Puppe, die ihre eigene Mutter Olga sein soll, hinzu: "aber es darf nicht teuer sein, sonst mach' ich einen Riesenskandal."

FRISEUR: "Ich muß schließlich auch leben..."
OLGA: "Das müssen wir alle - und ob Sie leben geht mich nichts an."
ELKE: "Sie haben hier als Friseur zu wirken und nicht als Lebewesen, denn: Auf Ihrem Laden steht: "Friseur" und nichts weiter. Können Sie nicht lesen?"
FRISEUR: "Dann fange ich also an: Schnipp, schnapp, schnipp, schnapp."
ELKE UND OLGA: "Wurde auch Zeit. Dalli, dalli, hopp, zack zack!"
FRISEUR: "Heute bin ich aber zerstreut! Schnipp, schnipp, schnapp, schnapp... Oh, Entschuldigung - ich habe Ihnen aus Versehen den Hals durchgeschnitten - tut es sehr weh?"

Maja legt die Olga-Puppe innerhalb des von Natalie gezeichneten Rechtecks flach in den Sand.

FRISEUR: "Sie ist tot. Das tut mir aber leid!"
ELKE: "Passen Sie das nächste Mal besser auf!"
FRISEUR: "Sehr wohl, meine Dame Ich mache also weiter: Schnapp, schnipp, schnipp, schnapp..."
ELKE: "Wurde auch langsam Zeit. Wird's bald? Hopp, dalli dalli!"
FRISEUR: "Heute - ich weiß nicht, aber heute bin ich wirklich sehr, sehr zerstreut, schnipp, schnipp, schnipp, schnipp, zack!
O! Das tut mir aber leid - jetzt habe ich auch der anderen Kundin aus Versehen den Hals durchgeschnitten.
Das Blut schmiert mir den ganzen Boden voll. Heute muß ich noch putzen, sonst kommen keine Kunden mehr. Und was soll ich mit den Leichen tun?"

Maja legt die Elke-Puppe neben der Olga-Puppe flach in den Sand innerhalb des von Natalie gezeichneten Rechtecks: "Jetzt kommt die Polizei: Lalü - lala, lalü - lala... mal nachschauen, ob beim Friseur alles in Ordnung ist."

FRISEUR: "Oh - guten Tag, Herr Polizist!"
POLIZEI: "Ich bin eine Polizistin, sehen Sie das nicht?"
FRISEUR: "Ach? Verzeihung - Sie müssen wissen: Ich bin heute sehr, sehr zerstreut."
POLIZEI: "Was ist das für ein Sauhaufen hier? Warum liegen Ihre Kunden auf dem Boden herum?"
FRISEUR: "Diese beiden Kundinnen sind leider gestorben."
POLIZEI: "Sie sind tot? Warum denn?"
FRISEUR: "Ich habe ihnen vor lauter Zerstreutheit den Hals durchgeschnitten."
POLIZEI: "Was Sie nicht sagen... ja, jetzt seh' ich es auch: überall so viel Blut... Sie müssen saubermachen, sonst kommen keine Kunden mehr."
FRISEUR: "Zu Befehl, Frau Polizistin, ich wische gleich alles auf."
POLIZEI: "So ist's recht: Sie haben den Schaden angerichtet, also müssen Sie ihn auch wieder gutmachen."

Die Buben haben genug vom Fußballspielen und gehen weg. Es wird ganz still auf dem Spielplatz.

FRISEUR: "Komme ich jetzt ins Gefängnis?"
POLIZEI: "Wieso?"
FRISEUR: "Weil ich diesen beiden Kunden aus Versehenden den Kopf abgeschnitten habe."
POLIZEI: "Nein, nein, beruhigen Sie sich - wir alle machen Fehler, nicht? So ein kleines Mißgeschick könnte wohl jedem passieren."
FRISEUR: "Sie sind eine sehr verständnisvolle Polizei."
POLIZEI: "Ich weiß, ich weiß..."
FRISEUR: "Und was soll ich mit den Leichen tun?"
POLIZEI: "Ich rufe einen Tischler, der soll die Särge machen."

"Dann wäre ich jetzt der Tischler", sagt Natalie. Maja erwidert: "Gut. Ich suche dir das Holz."
Die beiden Mädchen laufen auf dem ganzen Spielplatz umher und finden bald die geeigneten Stöckchen. Dann gehen sie damit zum Sandkasten zurück.
Natalie baut als Sargtischler kleine, rechteckige Zäune um die beiden Puppen auf, indem sie einmal die horizontalen, dann die vertikalen Stöckchen übereinanderlegt, die sich so jeweils an den vier Ecken der beiden Rechtecke kreuzen. Zuletzt kommt noch als Sargdeckel eine Reihe von weiteren nebeneinandergelegten Stöckchen darüber.

POLIZEI: "Jetzt hole ich noch die Feuerwehr, die soll die Särge abholen - und den Pfarrer."

Natalie gräbt zwei Löcher und rundherum zeichnet sie lauter Kreuze in den Sand: "Das ist der Friedhof."
Maja sagt: "Ich bin die Feuerwehr: Tatü, tatü, tatü, tatü - Grüß Gott! Wo sind die Leichen? Oh - was für schöne Särge! Wir bringen sie gleich zum Friedhof. Ist der Pfarrer schon da?"

NATALIE: "Er wartet schon bei den Gräbern."

Es beginnt dunkel zu werden, denn wir sind mitten im November, und das abendliche Dämmerlicht läßt die Szene, wo Maja als Feuerwehr behutsam erst den einen, dann den anderen "Sarg" samt Puppe in den Friedhof trägt, sehr gespenstisch wirken.
Maja sagt "Tatü, tatü" und stellt die Särge neben den von Natalie gegrabenen Löchern auf.
"Ich wäre die Pfarrerin", sagt Natalie ernst. "Und ich bin die Trauergemeinde", erwidert Maja noch ernster.

PFARRERIN: "Meine Brüder und Schwestern, das Begräbnis beginnt!"
TRAUERGEMEINDE: "Amen."

Natalie als Pfarrerin und Maja als Trauergemeinde setzen sich gegenüber in den Sand, zwischen ihnen sind die beiden offenen Gräber mit den beiden Puppen. Die beiden Mädchen sehen sich bei den folgenden Worten mit weit geöffneten Augen an ohne zu blinzeln, und sie reden ganz langsam und ernst mit gesenkter Stimme, den Sätzen etwas Geheimnisvolles verleihend, das der Novemberabendstimmung auf dem leeren und stillen Spielplatz entspricht.

PFARRERIN: "Diese beiden Mütter sind verstorben."
TRAUERGEMEINDE: "Wie konnte das passieren?"
PFARRERIN: "Der Friseur hat ihnen aus Versehen den Kopf abgeschnitten - es tut ihm sehr leid."
TRAUERGEMEINDE: "Da kann man jetzt gar nichts mehr machen."
PFARRERIN: "So ist es. Ein Mißgeschick kann immer passieren."
TRAUERGEMEINDE: "Die beiden Kinder der Mütter sind jetzt ohne Eltern. Seltsam - sie weinen nicht einmal."
PFARRERIN: "Sicher sind sie so schockiert, daß sie nicht einmal weinen. Das ist der Schock."
TRAUERGEMEINDE: "Diese armen, armen Kinder! Dabei ist nicht einmal sicher, daß Olga eine wirkliche Mutter ist - obwohl sie das immer behauptet hat. Sie schaut oft so seltsam von der Seite her, so schaut keine Mutter."

Die Pfarrerin schubst erst den einen, dann den anderen Sarg samt Puppe ins Loch daneben, die Trauergemeinde schüttet die Löcher danach mit Sand zu.

PFARRERIN: "Asche zu Asche, Staub zu Staub."
TRAUERGEMEINDE: "Alleluja!"
PFARRERIN: "In Ewigkeit. Amen."

Olga, die Mutter von Maja, und Elke, die Mutter Natalies, kommen vom Friseur zurück, um ihre Töchter beim Spielplatz abzuholen. Olga sagt sogleich entrüstet zu Maja: "Du bist wieder ganz schmutzig, voller Sand."
Elke frägt ihre Tochter Natalie: "Wo hast du denn deine Puppe?"

NATALIE: "Sie ist gestorben - da haben wir sie begraben."
ELKE: "Wo?"
NATALIE: "Im Sandkasten."

Elke geht hin, gräbt die beiden Puppen wieder aus: "Die schönen Puppen - jetzt sind sie voller Sand.
Olga gibt Maja eine Ohrfeige: "Die teure Puppe einfach einzugraben - sowas! Schäm dich!"
Olga nimmt Maja, Elke Natalie an der Hand und die beiden Mütter gehen zornig mit den Töchtern nach Hause.

 

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