Temporäres literarisches Klosterleben
Sommer 2006
Klosterreport von Guido und Daniel
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Bevor es mit dem Klosterleben los ging, betonierte und
vermauerte ich mit meinem pensionierten Maurer, dem Herrn Schöpf,
sämtliche Zugluftlöcher zu, um das Leben ums Haus erst möglich
zu machen, da wir ja während des Klosters vorhatten, außerhalb
des Hauses - in direktem Kontakt mit der Natur - zu leben.
Ich war nach dieser Arbeit fix und fertig und freute mich aufs Klosterleben, genoss aber den Tag vorher, an dem ich mich mit Daniel in Bozen treffen sollte, und verbrachte ihn mit drei Frauen. Ich zog von einer Bar zur anderen, schon vom frühen Vormittag an, mit jeder verbrachte ich einige Stunden in ausgesuchten Lokalen. Am feinsten war es mit Silvia. Erst als mich Daniel am späten Nachmittag anrief, wo ich bliebe, musste ich meine Gesellschaften unterbrechen. Wir setzten uns ins Auto und fuhren von Bozen Richtung Stilfser Brücke. Daniel erzählte ich auf der Fahrt von der Begeisterung mit Silvia, dass wir ab diesem Sommer unbedingt mit ihr zwei Mal im Monat für ca. drei Tage bei mir im Karnutschhaus einen radikalen theatralischen Rückzug machen müssen. In Prad warfen wir blitzschnell in einem Discount unseren Proviant für die gesponserten 200 Euro in den Einkaufswagen. Es kostete 209 Euro. Bei den 9 Euro brauchte Daniel nicht mitzubezahlen, da mir schon klar war, dass einiges übrig bleiben werde. In Stilfser Brücke angekommen, wurde unser Proviant in beiden Küchen verstaut. Dann machten wir den Steg fürs Geisterschiff fertig. ![]() Ich wollte die rostige Stahlplatte frei schwebend haben und Daniel balancierte mit einem Schmuckreif das Flugzeug von Meinrad aus, das schon beim Theaterstück "Schatten - am Abgrund der Himmel" verwendet wurde und jetzt unter dem Eisensteg schwebt. Die vorne hängenden Pfannen sind Reststücke aus dem Theaterstück "Alfred Pinggera - der einsame Wanderer vom Ochsenberg - verstorben". Die rote Kurbel auf dem Steg des geistig behinderten Künstlers Meinrad begründet die gesamte Konstruktion, die ihm als Sockel dient. Im Hintergrund oben rechts sind noch filigrane Stangen vom Geisterschiff zu sehen. Der Kriegshelm aus dem 2. Weltkrieg (blau, auf der Metallstütze) musste unbedingt hinauf, um eine eventuelle romantische Harmonie der Konstruktion zu vermeiden. Darüber, auf einem dünnen Hutständer, fand die Russenmütze meines verstorbenen Vaters ihren Platz, da er nichts lieber tat, als zu reisen - egal unter welchen Bedingungen. Auf dem Geisterschiff steht der Matrose Schwabel und dahinter der Urgeist, der die Passagiere auf ihrer Fahrt begleitet. Vier Vogelhäuschen links und rechts vom Steg begleiten den Passagier auf seinem letzten Gang zum Schiff. Nach dem Abendessen stellten wir den Wecker auf 2 Uhr und gingen schlafen. Ich legte mich vor die Küche ins Freie: ![]() Daniel legte sich zwischen Untergeschoß und Obergeschoß in den freien Stiegenraum: ![]() Um 2 Uhr standen wir pünktlich auf, um zu schreiben. Daniel war alles, was er sich im Bett fürs Schreiben schon ausgedacht hatte, entfallen. Er schrieb unzusammenhängendes Zeug, hatte wenig Ideen. Ich war ob der frühen Stunde mürrisch und unwillig, wunderte mich aber, wie leicht mir das Schreiben fiel, das mir sehr fruchtbar vorkam. Ich vermutete bei Daniel, dass diese frühe Stunde Wahrheit beinhalte, die mit seinem vorher Ausgedachten nichts anfangen kann, und jetzt müsse er sich endlich dem Hier und Jetzt im Augenblick stellen. Für die zwei anschließenden Reststunden Schlaf gelang es Daniel nicht mehr, einzuschlafen. Ich schlief hingegen sehr gut, aber es war mir viel zu kurz und ich war um 5 Uhr noch mürrischer als vorher um 2. Als Morgenmeditation von 5 bis 6 Uhr ging Daniel Johannisbeeren am Hang klauben. ![]() Da ich schon von vorher müde und übersäuert war, fühlte ich mich kotzübel und fing an, laut zu singen, um Kraft zu tanken. Alles ist vom Regen nass. Beim Schreiben zwischen 6 und 7 Uhr begann Daniel, ein dokumentierendes Klostertagebuch anzulegen. Ich spürte Hunger und es bahnte sich schon der erste größere Konflikt an, da mir das Essen wichtiger war als das vom Programm vorgesehene Schreiben. Ich wollte ein gutes, gemütliches Frühstück, ging in die Küche und machte Feuer mit der Begründung, den Programmpunkt "Wasserwartung" auf 0 zu stellen, denn ein richtiges Frühstück sei unverzichtbar. Unser aufgestelltes Klosterprogramm erfuhr schon die ersten Änderungen, jetzt war nach dem Frühstück die Erdarbeit am Hang von 8 bis 10 anstatt von 7 bis 9. Daniel wollte kurz nachfragen, was ich mit dem Satz erledigte, dass zwischen Theorie und Praxis himmelhohe Unterschiede seien, die sich jetzt zeigten. Für die Erdarbeit bekam Daniel, der nur mit seinen Birkenstock- Sandalen, einer Hose und einem Leibchen dahergekommen war, von mir zwei Paar Schuhe, eine Arbeitshose und ein Arbeitsleibchen. Zuerst das Eisengeländer wegtragen, dann die Grasballen mit Wurzelwerk anderswo in den Hang pflanzen, die schwarze Erde mit Schubkarren zum Weidenbaum bringen, um eine neue Kleinterrasse zu schaffen als Auflage für unsere Hangsicherung, bis die graue Erde unter der schwarzen sichtbar wird. ![]() Daniel leerte und putzte anschließend sein Plastikschaff für den Badespass bei der Afrikaskulptur unterm Wald oberhalb des großen Kirschbaums. Nach der Arbeit hatte Daniel beim Schreiben von 10 bis 11 die Idee vom Testbericht des Dragomir. Ab diesem Punkt fiel ihm nach und nach alles zu seiner Geschichte ein. In der Zeit von 11 bis 12 Uhr war das Kochen geplant, wir aber hatten um 12 schon gegessen und so hatten wir jetzt eine Stunde zu viel. Das Essen ging blitzschnell, Daniel hatte einfach zu viel Peperoncino in die Nudel getan. Während der Abspüle kam mir die absolute Notwendigkeit des konkreten Geldverdienens wieder in den Sinn. Das gut bezahlte Kinderprojekt für nächste Woche schien nämlich auszufallen, was mich ungeheuer nervös machte. Alle Klosterregeln nicht mehr respektierend setzte ich mich ans Telefon und brachte alle Hebel in Gang, um dieses Projekt zu retten. Auch Daniel meinte, das habe absolute Priorität, Klosterleben hin oder her. Es gelang mir tatsächlich, dieses Seminar mit Kunstgriffen zu retten, und ich erklärte dann Daniel überglücklich, was es alles für Fertigkeiten gebraucht habe, um dieses Geld zu sichern. Mein Vortrag ging nahtlos zur chinesischen Kulturrevolution über. Im Moment bewunderte ich Mao Tse Tung für seine Entschlossenheit, auch Intellektuelle zu zwingen, einmal mit Schaufel und Pickel zu arbeiten. Die Verfolgung der nordkoreanischen Brillenträger ging uns dann doch etwas zu weit. Daniel wandte ein, der angestrebte Bewusstseinsumschwung von Mao sei mit Zwang nicht zu erreichen. Während Daniel das sagte, sah ich ihn von vielen Wespen umschwirrt und machte ihn darauf aufmerksam, dass er auf einem Wespenloch sitze. Ich schlug sofort vor, mein Wespengift zu holen und ins Loch zu sprühen, jedoch gleich danach fiel mir ein, dass ich schon über 15 Jahre hier mit Wespen lebe, und noch nie wurde ich oder ein anderer von einer Wespe gestochen. Sobald sich Daniel wegsetzte und das Wespenloch wieder frei war, beruhigte sich alles. Die Giftspritze war vergessen. Auf diesem Stein vor der Küche ist Daniel gesessen und hat mit dem Rücken den Wespen ihren Eingang versperrt. Ein ähnliches Phänomen gibt es neben der Werkstatt, wo Ameisen drei morode Holzsstücke fanden und innerhalb von ein paar Tagen einen Ameisenhaufen bauten. Den Einwand, ob ich denn keine Angst habe, die Ameisen könnten meine Werkstatt erobern, fand ich lächerlich. Ich bin stolz auf meinen Ameisenhaufen. Zwischen 13 und 14 Uhr räumten wir statt des Rastens den Dachboden auf, was auch nicht vorgesehen war, aber nötig, weil wir ja später dort sampeln sollten. Das Diskutieren im Keller von 14 bis 15 Uhr brachte uns überraschende Erkenntnisse. Ich wollte von Daniel wissen, warum er in der Dunkelheit so laut spreche. Während der Diskussion konnten wir beobachten, wie sich die vollkommene Dunkelheit auflöste. Durch die Anpassung der Augen konnte ich jetzt alles sehen. Aufgrund dieser Erfahrung wurde uns bewusst, wie der vorschnelle Drang, vermeintliche Probleme zu lösen, oft die besten Möglichkeiten verhindert. Ich sagte zu Daniel: "Stell dir vor, ein zuständiger Bürokrat sieht diesen Raum und lässt sofort ein elektrisches Licht installieren, weil ein dunkler Raum Licht braucht. Mit dem sinnlichen Erlebnis der Neuanpassung des Auges an die Dunkelheit und dem Erlebnis einer neuen Sichtweise wäre es dann vorbei." Den Badespaß von 15 bis 16 Uhr genoss ich in vollen Zügen. Daniel fand das Wasser in seinem Schaff zu kalt und ging seither nie mehr zu seinem roten Schaff an der Waldgrenze. ![]() Ob es regnete oder die Sonne schien war mir ziemlich egal, da mein Körper von der anstrengenden Erdarbeit immer aufgeheizt war. 16 bis 17 Uhr: Schreiben. Mit jedem Schreiben wurde mir bewusster, dass die momentane Wahrnehmung von dem, was ich tat, die Geschichte zu Cinzia schützte und trug. Daniel schrieb etwas über Geräte, die laut oder leise sprechen können, was er jedoch später nicht verwendet hat. Beim Theaterspielen von 17 bis 18 Uhr gingen wir zu unserer Bühne, die ich kurz vorm Klosterleben von Roman bekommen hatte: Ich setzte mich auf die Bühne und fing an, Rollenspiele zu entwickeln. Da ich auf dieser Bühne saß, hatte ich das Gefühl, ich sei abstrahiert genug. Daniel spielte das gleiche außerhalb der Bühne, und da der Kontrast so groß war, hatte auch er seine Abstraktion. Unser entwickeltes Theaterprogramm wurde als Erinnerungsstütze für die Wiederholbarkeit auf eine Tafel geschrieben: Nachdem wir am letzten Tag für die Zuschauer den Ehekonflikt zwischen Leo und Klara gespielt hatten, probierte ein tatsächliches Ehepaar unter den Zuschauern, ein ähnliches Stück zu spielen. Dies funktionierte deshalb nicht, weil die Ehefrau keinen Konflikt vom Mann aushalten wollte, auch wenn es nur ein gespielter war, und selbst auf der Bühne trachtete, alles zu harmonisieren. Belehrung: Die Bühne braucht Kraft für Konflikte. Die Charakterstudien waren eine andere theatralische Arbeitsweise. Ich war ein Schnapsbudenbesitzer, der sich über den Unfug des Theaterspielens und jeglicher anderer Kunst und dem Kunstgetue aufregt. Angeregt vom "normalen", beamtenhaften Denken dieser Schnapsbudenfigur schrieb Daniel danach, von 18 bis 19 Uhr, das Vorwort zu seinem Science- Fiction- Text, in dem der Autor versucht, es allen recht zu machen. Beim Sampeln auf dem Dachboden von 19 bis 20 Uhr kam ich mit einem gehäuften Teller gewärmter Nudeln vom Mittag daher, da ich Hunger hatte. Fürs eigentliche Sampeln hatte ich keine Kraft mehr, dafür fiel mir was Neues ein: Die Clownsnase. Ich setzte sie auf, nahm ein uraltes deutsches Volksliederbuch in die Hand und sang textgetreu, mit Melodien, so wie ich sie wollte und im Augenblick auch kannte. Das war keine Anstrengung, machte mich frisch und ich hatte Spaß. Dieser Teller Nudeln in der Hand gab mir jede Freiheit. Ich hatte die Narrenkappe aufgesetzt und die Clownsnase an und ich legte los: "Meine Damen und Herrn, wenn euch die Meinung eines alten Wichsbocks interessiert..." Im Nachhinein wurde mir erst so richtig klar, wie kompliziert der Begriff "Sampeln" sein kann, da mich eine Bekannte von mir fragte, was eigentlich dieses "Sampeln" sei: "Stimmt es, dass ihr, wie in der Zeitung stand, auf dem Dachboden mit Wein herumgesantelt habt?" In voller Überzeugung meinte sie, die "Santelei" - pennen und saufen - würde ich jetzt zur Kunst erklären. Es geschieht häufig, dass etwas nicht Verstandenes nicht lange stört, sondern bald fürs eigene Verständnis umgewandelt wird. Ein Mann sagte, er habe von unserem "Sampeln" gelesen und er fragte mich, ob wir uns jetzt mit Architektur beschäftigen. Er habe nämlich in Fernsehen gesehen, dass die Architekturkybernetiker immer da eingreifen, wo das herkömmliche Wissen nicht mehr weiter kommt, und er habe so den Zusammenhang zwischen Kybernetik und Sampeln hergestellt. Ich dachte mir, dass man mit einer Clownsnase im Hosensack nie ganz falsch ist. Von 20 bis 21 Uhr wäre Schreiben auf dem Programm, aber es gewitterte, donnerte und blitzte, und aus Angst vor Einschlägen steckten wir die Computer aus und gingen schlafen. Auch die Abendmeditation bei offenem Feuer mit Kräutertee war gestrichen, da man bei diesem Wetter nicht zur Feuerstelle gehen konnte. Am nächsten Tag um 2 Uhr morgens war mir noch übler als gestern.
Ich stand auf, nur, um Daniel zu sagen, dass ich wieder schlafen gehe,
weil die Gesundheit wichtiger sei als dieser ganze Klosterzirkus. Daniel
schrieb, weil er schon auf war, aber ihm fiel wieder nichts ein. Als
wir dieses Phänomen später besprachen, musste ich einsehen,
dass diese seine Einfallslosigkeit um 2 Uhr morgens wohl mit dem Schlaf
mehr zu tun hatte als mit der Eingebung im Augenblick. Erdarbeiten: Steine, Grasballen und Erde weg, hinüber zur Dachterrasse, mit Digitalkamera Fotos zur Dokumentation machen, Gitter unten zusammenstellen und oben hinlegen, Geräte wegräumen, Reis mit Gemüse und Salat kochen, essen, abspülen, Klosterchronik tippen + Bilder sortieren/beschriften, dann beim Text weiterschreiben, Zufallstexte. ![]() Die Bretter und Kastanienstützen rechts im Bild sind bald durchgefault, und wenn sie brechen, rutscht der Hang, den Guido früher mit der Erde errichtet hat, die er unten wegführte, um den Geräteschuppen aufzustellen. Nun werden drei 1 x 1 x 2 Meter große Gitter mit Steinen gefüllt. Ihr Gewicht (über 12 Tonnen) verhindert das Rutschen und sichert den Hang. 15 Uhr: Treffen im Kellerraum, diskutieren, kurze Pause und dann Theater: Guido spielt italienischen Afrikaner, Daniel: "la musica è un'arte", Würstel sieden, mit Senf + Reis von Mittag essen, dann sampeln mit Erklären der Singtechnik. Wieder schreiben, Guido macht Feuer, sagt, er hat schon 30 Seiten. Daniel fragt nach der Schriftgröße, dann schlafen, in der Nacht regnet es wieder. Freitag, der 28. Juli: Sonntag, 30. Juli: Montag, der 31. Juli: Mittwoch, 2. August: Freitag, den 4. August: |